die alltaegliche pluenderung arba minch, 24.12.2004tief haengt die graue wolkendecke ueber dem rift valley, giesst den nechisar national park zu fuessen unserer hotelterrasse noch einmal kraeftig. als wir mit unserem guide kapo kansa nach dem fruehstueck den steilhang hinuntergehen, kleben uns schon nach wenigen minuten zentimeterdicke schlammklumpen unter den sohlen. die wolken haben aber auch ihr gutes. es ist angenehm kuehl in dem friedlichen wald unten in der talebene, der die beiden seen abaya und chamo von einander trennt. doch von dschungel kann hier keine rede sein. der wald ist stellenweise gelichtet wie deutsche vorstadtwaelder. immer wieder hoeren wir eine axt durchs gruen schallen. einen burschen treffen wir, der in einer baumkrone hockt und einen riesenast abhackt. krachend faellt der zu boden. an den zweigen haengen trauben von dokme, kirschenaehnlichen fruechten. so ernet man hier also obst, anstatt es zu pfluecken, wird kurzerhand der halbe baum umgehauen. wieder und wieder sehen wir frauen schwere brennholzbuendel aus dem unterholz schleppen. als wir nach stunden schwitzend und schnaubend auf dem huegel auf der anderen seite des waldes stehen - mit einem grandiosen blick ueber beide seen -, runzelt kapo die stirn. "da hinten an dem hang fehlen ein paar baeume." jeden tag wird der nationalpark ein wenig mehr ausgepluendert. bis eines tages auch hier in arba minch das tal so kahl ist wie in den meisten teilen aethiopiens, durch die wir gefahren sind. dann werden dort hoechstens ein paar eukalyptusbaeume stehen, die schoen schnell wachsen, aber die boeden entwaessern und auslaugen. auf dem rueckweg durchqueren wir eine riesige lichtung, die von kuehen und ziegen halob kahl gefressen worden ist. die blanke rote erde lugt zwischen weit auseinander stehenden hohen grasbuescheln hervor. die ueblichen wolkenbrueche werden sie eines tages in die seen gespuelt haben. -nbo |
| Das gut versteckte Paradies Arba Minch, 23.12.2004Der Sueden Aethiopiens ist abgesehen von seiner Naturvielfalt in jeder Hinsicht unterentwickelt. Und wenn es nach der Regierung geht, soll es so auch bleiben. Eigeninitiativen, wie zum Beispiel die touristische Erschliessung dieser Region werden finanziell nicht unterstuetzt oder sogar vereitelt. Dies erzaehlt uns Kapo Kansa, der das Tourist Office in Arba Minch im Alleingang schmeisst und der diesen Boykott schon am eigenen Leib erfahren hat. Der Sueden mit den Naturparks Omo Valley und Rift Valley wird vorsaetzlich ausgeblutet. Das ganze Geld geht in den Norden, dorthin, wo die meinungsstarke Waehlerschaft sitzt. Was fuer uns als Touristen durch die Urspruenglichkeit dieses Landstrichs reizvoll scheint, ist fuer dessen Bevoelkerung eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Die noetigen Gelder fuer Wasserversorgung und Strassenbau bleiben aus, damit der Norden blueht. In keinem aethiopischen Bildband ist auch nur ein einziges Foto dieser Region abgedruckt. Jetzt weiss ich auch, warum. nach Diktat verreist -dwo |
| gech arba minch, 22.12.2004"ich bin auf dieser strasse gross geworden", sagt gech und zeigt auf die buckelpiste vor der flamingo pastry. das ist die hauptstrasse der unterstadt von arba minch. seine haare will re sich jetzt lang wachsen lassen. im nacken baumeln ein paar kurze geflochtene zoepfe, wie manche hiphopper das tragen. in sechs monaten wird gech vater. "das baby wird ein makiato." ein milchkaffee, denn die mutter ist eine englaenderin, die er hier in arba minch kennengelernt hat, als sie als englischlehrerin arbeitete. jetzt ist sie wieder in london und im fruehjahr will er sie dort besuchen. "aber ich will nach paar monaten wieder zurueck, am liebsten meine eigene agentur aufmachen." gech ist anders als die "lost generation", wie woldo und ich die jungen maenner zwischen 15 und 30 getauft haben. gech kennt deren traum. "die glauben, dass in europa das geld auf den baeumen waechst." sie hoffen auf das schnelle geld, das man den "faranji", den touristen, aus der tasche ziehen kann. natuerlich ohne arbeit. bloss keine finger kruemmen und sich am besten noch den nagel vom kleinen lang wachsen lassen. und was macht die lost generation den ganzen tag? "24 hours ass-working", sagt gech trocken. also rumsitzen und nach touristen ausschau halten. gech hat als kleiner steppke am busbahnhof fuer touristen ruecksaecke getragen und dabei das erste englisch aufgeschnappt. wie viele andere. aber irgendwann hatte er eine neue idee, neu jedenfalls fuer den ort. er machte einen buechertausch fuer traveller auf. englaender schickten ihm 50 gelesene buecher zu, und dann zog er mit seinem stapel durch die cafes. wer ein buch tauschte, musste 5 birr zahlen. das brachte ihm schliesslich genug geld ein, um mit zwei freunden fuer 30 birr im monat ein zimmer zu mieten, ohne wasser und strom. endlich weg von der strasse. dann ueberzeugte er eine reisegruppe, ihn mit ins omo valley zu den staemmen zu nehmen. so fing er an, das tal kennenzulernen, bis er selbst tourguide wurde. das geld reichte dann, um ein ganzes haus zu mieten. mit seiner mutter hat er dann auch noch ein waisenhaus aufgemacht. 40 kleinkinder leben dort, aeltere nicht, die koenne man nicht mehr auf den richtigen weg bringen, sagt er. er hat auch anderen strassenkindern jobs organisiert. "die leute hier in den laeden", und er zeigt auf die andere strassenseite, "haben alle genug geld. von denen ist keiner arm. aber sie kuemmern sich hier um nichts." warum gibt es nicht mehr typen wie gech? es sind offenbar vor allem europaeische traveller gewesen, die ihn gepraegt haben. "I love this generation from europe." fuer die mutter seines makiato will er putzen und kochen, wenn das so sein muss, so wie es in europa inzwischen auch selbstverstaendlich fuer maenner ist. mit den aethiopischen frauen kann er nicht mehr viel anfangen. "die waschen ihren maennern sogar die fuesse." und vergaessen dabei das leben, sagt er. das leben, das ihn fasziniert. anfang 20 ist gech erst, aber ich glaube, er ist sogar weiter als viele der von ihm bewunderten generation in europa. -nbo |
| Brot fuer die Welt Arba Minch, 21.12.2004Wer kennt sie nicht, die zahllosen nichtstaatlichen Organisationen, in denen man gerade zur Weihnachtszeit sein Gewissen erleichtern kann. Dann herrscht hier Hochkonjunktur, und das nicht nur in den Spendentoepfen. Auch in den teuersten Hotels des Landes, in denen die Angestellten dieser Organisationen (NGOs) weihnaechtens zu residieren pflegen. Im Bekele Mola Hotel in Arba Minch, in dem wir uns eine gepflegte Pause goennen wollen (das Zimmer immerhin zu 288 Birr) haben wir Glueck und bekommen das letzte freie Zimmer. Alle anderen sind schon seit Wochen ausgebucht, von NGOs, wie wir vom Manager erfahren. Da geht das Geld also dahin. Geld, bei dem der edle Spender sicherlich dachte, damit ein hungriges Maeulchen zu stopfen zu koennen oder dringend benoetigtes Schulmaterial und nicht den Weihnachtsurlaub irgendeines "Wohltaeters" zu finanzieren. Wieviel der Spendeneinnahmen tatsaechlich beim Empfaenger ankommt, nachdem Administration, Managergehaelter und Fuhrpark abgezogen sind, ist unueberschaubar. Es mag vielleicht idealistisch klingen, aber abgesehen von medizinischen Unterstuetzung sollte Helfen kein Berufszweig sein, sondern vielmehr eine Herzensentscheidung, ehrenamtlich, Hochqualifizierte nicht ausgeschlossen. Wenn ich sehe, wo hier das Geld versickert, bleibt fuer andererleuts Weihnachts-Chichi meine Tasche jedenfalls zugeknoepft. nach Diktat verreist -dwo |
| Der Garten Afrikas Addis, 20.12.2004Denkt man an Aethiopien, kommen sofort die Katastrophenbilder aus den 80ern in einem hoch. Blaehbaeuchige Kinder mit unzaehligen Fliegen in jeder Kopfoeffnung und hungrigen glasigen Augen. Heute, 20 Jahre nach der Duerre, hat das nur noch wenig mit diesem Land zu tun. Hier wachsen Fruechte aller Art in Huelle und Fuelle, Mangos, Papayas, gigantische Bananen, Orangen. Hier muss keiner hungern. Der rote Boden ist der fruchtbarste, den es gibt. Trotzdem, wuerde wieder eine Ernte ausbleiben, wuesste sich auch heute keiner zu helfen, die Probleme waeren heute die gleichen, wie vor 20 Jahren. Keiner hat hier etwas dazugelernt, es gibt keine Vorratshaltung oder vorrausschauende Vorsorge. Was geblieben ist aus deser Zeit, ist der Glaube an die westliche Hilfe, vor allem in finanzieller Hinsicht. Warum deswegen auch planen? Man muss doch nur abwarten, bis die naechste Katastrophe kommt und man wieder ueberschuettet wird mit Hilfsguetern aus aller Welt. Der koerperliche Hunger ist einem anderen Beduerfnis gewichen, dem Hunger nach Wohlstand. Doch dafuer sind es einfach zu viele, eine Bevoelkerung von 72 Mio. Menschen, von denen es jeder als Erster geschafft haben will. Und ploetzlich ist nichts mehr uebrig von der vollmundig beteuerten afrikanischen Gelassenheit. Es wird gerempelt, getreten und gespuckt. Es regiert der Instinkt, von Zivilisation weit entfernt. Die Scheisse quillt unter Klotueren durch, Hygiene ein Fremdwort, Krankheiten koennen sich verbreiten, wie Lauffeuer. Wenn eine Population aus den Fugen graet, herrschen animalische Zustaende. Vor allem, wenn der ueberdurchschnittliche Teil unter 25 Jahre alt ist, eine pubertierende Bevoelkerung ohne die so notwendige Weitsicht. Wieso auch an morgen denken, wenn es uns doch heute gut gehen soll? "Hey mister, give me five Birr!" Schnorren kann hier jeder, diese Lektion haben sie von ihrer Regierung nur zu gut gelernt. nach Diktat verreist -dwo |
| nachrichten aus aethiopien addis, 20.12.2004es gibt hier erstaunlich viele zeitungen, diverse auf amharisch, aber auch einige englischsprachige tages- und wochenzeitungen. das ereignis der letzten woche war der besuch von bundespraesident horst koehler, der sich tatsaechlich drei tage zeit nahme, um das hundertjaehrige jubilaeum der deutsch-aethiopischen beziehungen zu wuerdigen. im gepaeck hatte er einen schuldenerlass von 70 mio. euro. das klingt nicht viel, aber in birr umgerechnet sind es 770 mio. wenn man beruecksichtigt, dass im alltag ein birr eine aehnliche kaufkraft hat wie ein euro bei uns, ist das eine ungeheure summe. ungeheuerlich ist aber auch ein lapsus der deutschen delegation, den die hiesigen zeitungen kritisch vermerkt haben. seit jahren verweigert der aethiopische premier meles zenawi unabhaengigen medien die teilnahme an seinen regierungspressekonferenzen. nun hatten die deutschen im vorfeld des koehler-besuchs den wunsch angemeldet, dass das bei der gemeinsamen pressekonferenz anders sein solle. irgendein ministerium versprach sich, darum zu kuemmern. das war's dann auch. als die konferenz stattfand, kamen wie ueblich nur die journalisten der staatlichen medien. das ist nicht nur peinlich, sondern skandaloes. es waere ein leichtes gewesen, fuer den schuldenerlass so viel entgegenkommen durchzusetzen. stattdessen raesonnierte koehler in wohlfeilen worten ueber die probleme afrikas mit korruption und demokratisierung. der wortlaut seiner rede war ueberall abgedruckt. viel heisse luft. und einem premier, der aethiopien massgeblich mit in den absurden krieg gegen eritrea (1998 - 2000) hineingeritten hat, erlaesst man das minimum demokratischer kultur. - in aethiopien gibt es 4,7 mio. waisen, lese ich. zurueckgelassen von hunger, krieg und AIDS. das sind immerhin 7 prozent der gesamtbevoelkerung. - ein neues gesetz legt erstmals eine mindeststrafe fuer vergewaltigungen fest, naemlich 5 jahre. wie eine frauenrechtlerin hierzu in einer zeitung bemerkte, konnten vergewaltiger bisher damit rechnen, mit laeppischen strafen davonzukommen (wenige monate, geldbusse). - gewalt gegen kinder und frauen scheint in aethiopien ein echtes problem zu sein. in mehreren zeitungen wurde innerhalb der letzten acht tage darueber berichtet. vor allem eine strikte festschreibung von kinderrechten fehle bisher. - und noch einmal premier meles zenawi. der hat vor kurzem einen 5-punkte-friedensplan fuer den konflikt mit eritrea vorgelegt. das erstaunliche: zenawi begnuegt sich nun damit, den zustand vor dem krieg von 1998 wiederherzustellen, den er vor zwei jahren noch als inakzeptabel bezeichnet hatte. die fuenf punkte sind ein witz. punkt 1 beinhaltet zum beispiel, dass sich aethiopien dem frieden verpflichtet fuehlt. so fuellt man diplomatisches papier. - die wochenzeitung "capital" titelte "water crisis in addis". der zustand der wasserversorgung in der hauptstadt ist offenbar total verrottet und chemisch belastet. und in naher zukunft wohl irreparabel. das ist um so erstaunlicher, als grosse teile aethiopiens nicht unter wassermangel, und addis liegt im zentralen hochland, das saftig gruen ist. der leitartikel von capital war dennoch tiefpessimistisch. "ethiopia is dying" lautete die these. -nbo |
| was ist reisen? #2 addis, 20.12.2004reisen ist ein full-time-job. du kommst an einem neuen ort an und musst erst mal ein bett finden. wehrst hotelschlepper ab, die dich wie fliegen umkreisen, wenn du aus dem bus steigst. begutachtest ein zimmer hier, ein bad dort. dan eine entscheidung. durchatmen. dringend etwas trinken. staendig brennt die sonne und trocknet dich aus. oder verkleben autoabgase deine lungen. du zwingst dich, wenigstens deine 1,5-liter-flasche wasser am tag zu trinken, obwohl dir die laue bruehe schon lange zum hals raushaengt. OK, gehen wir mal vor die tuer. sofort bist du wieder von gluecksrittern umzingelt, meistens um die 20 jahre alt. can I help you? you make tour? where you from? zu viele fragen, auf die du nicht antworten willst oder kannst. du gehst die strasse runter und spuerst den schatten, der dir folgt. "mister", "hello", "my friend" wispert es permanent aus tuernischen und laeden. ein "good price" verfolgt dich unablaessig, denn bist du etwa nicht zum hardcore-shoppen in dieses land gekommen? du willst dir etwas angucken und hast keine lust laufen, weil es zu heiss ist oder der das mister-gefluester auf die nerven geht. ein taxi, ein rikscha, ein tuktuk muss her. du nennst dein ziel, und der fahrer antwortet dir mit einem phantasiepreis. dann folgt das ewige gefeilsche. nach einem kurzen wortwechsel steigst du achselzuckend ein. am ziel schaust du dir etwas an, was dir fremd ist, was du nicht verstehst. blaetterst in deinem handbuch, in dem nie genug steht, um deinen wissensdurst zu stillen. vielleicht nimmst du einen guide, der dir auch wieder nur die basics herunterleiert. deine nachfragen versteht er nicht richtig. mit bildern und fragen im kopf ziehst du weiter. setzt dich irgendwohin, um einen kaffee, einen tee zu trinken, eine zigarette zu rauchen. aus dem hintergrund schwappt schon wieder ein schwall von fragen herueber. kinder kommen vorbei und wollen dir kleinkram verkaufen, den du nicht brauchst. jede minute eins. irgendwann wird es dunkel, zeit etwas zu essen. du checkst strassenstaende, restaurants, vergleichst sie vielleicht mit einem tip aus deinem handbuch. dein abendessen ist entweder ein gericht, das du noch im leben gesehen oder schon die ganze woche gegessen hast, weil die lokale speisekarte ziemlich kurz ist. 5 tage mensaf in jordanien, 5 tage huehnchen und fuul in aegypten, 5 tage kebap im sudan, 5 tage kitfo oder tibs in aethiopien. OK, ich uebertreibe ein wenig. im nahen osten oder asien kommt ein anderes problem hinzu. diese trostlose getraenkekultur. wasser, cola, tee oder bier. cola ist dir auf die dauer zu suess. tee, davon reichen vier tassen am tag wirklich. das zweite bier am abend schmeckt auch schon fad (ein koenigreich fuer ein frischgezapftes jever). ein guter wein? apfelsaft? apfelschorle? ein toller cappucino? mineralwasser mit kohlensaeure? Matelimo? ach ja. mit schwirrendem kopf sinkst du in einen unruhigen schlaf, der mitten in der nacht - so kommt es dir vor - unterbrochen wird. der muezzin ruft, die ersten trucks donnern hinter der einfachverglasten scheibe dahin, eine huehnerarmada gackert und kraeht. du drehst dich um und erhaschst noch mal zwei stunden schlaf. dann das naechste problem: was fruehstuecken? im nahen osten oder in afrika gibt es immerhin hervorragenden kaffee. aber das essen? schon morgens saubohnen (fuul) wie in aegypten? nudelsuppe wie in asien? firfir wie in aethiopien? oder das 43. traveller-omelett, das fuer "den" westler ueberall auf der welt auf der karte steht? das continental breakfast besteht aus chemiemarmelade und brot. na wenigstens brot. ach, ein camembert - doch vor dir liegt nur schmelzkaese, der mit der lachenden kuh, auf dem teller, jedenfalls im nahen osten. und irgendwann musst du dich entscheiden, wie du weiterfaehrst. bustickets am ende der stadt organisieren. oder in aller hergottsfruehe am busbahnhof sein, weil fahrkarten nur am selben tag verkauft werden. dann faehrst du ab, kommst stunden spaeter woanders an, und das spiel geht von vorne los. -nbo |
| in der recycling-stadt addis, 20.12.2004in addis gibt es nicht einfach nur einen markt. es gibt den "mercato". den groessten markt in ostafrika. eine stadt in der stadt. er ist so gross, dass man wir ihn zunaechst fast uebersehen. denn all die wellblaechdaecher, die sich westlich vor der piazza den hang hinabziehen, sind keine daecher von heruntergekommenen wohnhaeusern. es sind marktbuden, zwischen denen sich gaenge von hoechstens anderthalb metern breite befinden. der mercato erfordert eigentlich einen eigenen stadtplan. da gibt es ein ganzes viertel, in dem nur stoffe verkauft werden, so gross wie in vielen anderen staedten der ganze markt, viertel fuer schuhe, korbwaren, haushaltskram... nachdem wir zwei stunden in sengender hitze durch dieses scheinbare durcheinander gelaufen sind, kommen wir in eine gasse ohne asphalt, voller schotter und schlagloecher. laster und minibusse sind in einem stau verkeilt, es geht nicht vor und zurueck, menschen sich durch die wagen. an einer ecke werden leere mineralwasserflaschen zu buendeln verschnuert, leere konservendosen gesammelt. ein paar meter weiter stossen wir auf alte reifen. ein paar werden zerschnitten und in badelatschen umgewandelt. wir gehen weiter, winden uns zwischen "you" rufenden kindern und neugierigen erwachsenen hindurch. die gasse wird immer enger und schmutziger, faellt ab, oelschlieren schimmern in pfuetzen zwischen dicken wackersteinen. ein paar maenner sitzen in diesem dreck und biegen armiereisen zurecht. hier ist kein durchkommen, wir suchen einen anderen weg. ein lautes haemmern ertoent. schwarzverschmierte maenner schlagen auf ausrangierte stossdaempfer von lastern und bussen ein. wir biegen um die ecke und landen in einer "stahlhandlung". ueberall sind staebe in buendeln gestapelt, die meterhoch in den himmel ragen. einige meter daneben schneiden andere lederriemen zurecht. frauen tragen koerbe und wannen vorbei, niemand steht still, alle such den weg zu einem gegenstand, der ihnen fehlt. ein mann sitzt in einem verschlag und repariert buegeleisen. an den waenden stapeln sich elektroartikel und elektroschrott, laden an laden, kein knopf, kein schalter, kein motor, der sich hier nicht finden liesse. was bei uns wahlweise als oekonomischer luxus oder oekologische zukunftsvision gilt, hier ist es blanke ueberlebenskunst. alles muss wiederverwertet werden, weil das neue unbezahlbar ist. die alltagstechnik, die wir im geschaeft kaufen, ist hier ein schweineteurer import, den sich nur die upper class leisten kann. der rest ist auf die kunst des recyclings angewiesen. was uns auf den ersten blick bemitleidenswert oder rueckstaendig vorkommt, ist moeglicherweise eine notwendigkeit in der zukunft auf einem ausgelaugten planeten. wenn bei uns eine neue oelkrise oder ein crash der weltwirtschaft die hightechzivilisation zusammenbrechen liesse, waere addis laengst gewappnet. hier wuesste man die lebensdauer der technosphaere noch um jahre zu verlaengern, wenn man bei uns schon laengst resigniert haette, weil nichts mehr geht. -nbo |
| tor fuer aethiopien addis, 19.12.2004sonntag nachmittag. die hauptstadtstrassen sind leergefegt. die aethiopische nation haengt vor dem fernseher: aethiopien spielt in der ostafrika-meisterschaft gegen sansibar. das letzte gruppenspiel vor dem einzug ins halbfinale. was da im schneegestoeber des fernsehbildes in unserem hotelinnenhof zu erkennen ist, beeindruckt nicht gerade. ein einziges ballgeschiebe im mittelfeld, manchmal verspringt auf dem grasacker des stadions von addis. immerhin keine rueckpaesse zum torwart. aber auch kein offensivdrang. im strafraum passiert nichts. "den aethiopiern fehlt ein torjaeger", sage ich zu einem aelteren aethiopier, der auch guckt. "du hasst es erfasst", antwortet er laechelnd. die mannschaften kommen aus der halbzeitpause. aethiopien dreht jetzt auf. "antenne" treibt den ball immer wieder ueber die linke seite, jedenfalls scheint das der name zu sein, wie ich aus dem amharischen wortstrom des reporters schliesse. die sansibarer sind noch schwaecher geworden und fallen alle fuenf minuten theatralisch zu boden. antenne zu "schnaffi", schnaffi passt zu "aider", da ploetzlich ein getuemmel im sansibarischen strafraum, der ball fliegt senkrecht nach oben, was macht der sansibarer torwart da, er kommt nicht heran, ein aethiopier legt sich quer in die luft und haemmert die kugel zwischen vier verdutzten abwehrspielern aus zehn meter ins netz. ohrenbetaeubender jubel bricht los: 1:0 fuer aethiopien, die lautsprecher des fernseher verzerren, und der sender zeigt sogar ein wiederholung. die gesichter der aethiopier im hotelinnenhof entspannen sich. einige minuten spaeter, schnaffi und antenne haben wieder die sansibarische abwehr durcheinandergebracht, der wird in die rechte strafraumhaelfte gepasst, aider, dieser ballfuchs, stoppt vorbildlich, legt sich auf rechts vor, zieht ab und tor! 2:0 fuer aethiopien. da sah der sansibarische torwart alt aus, als die kugel an ihm vorbei ins rechte obere eck zischte. kurz vor schluss besorgt aider mit einem flachen 20-meter-schuss ins linke untere ecke den 3:0-endstand. die zuschauer tanzen, gesaenge erschallen von der tribuene, die denselben rhythmus wie in unseren stadien haben. eine aethiopische pop-ikone mit weissen haaren schmettert nach abpfiff ein patriotisches lied, und draussen hoert man die ersten autos hupen. heute sind alle gluecklich. -nbo PS: aethiopien besiegte im halbfinale kenia gluecklich im elfmeterschiessen und im finale burundi mit 3:0, diesmal aber souveraen. da war vielleicht was los. |
| Die Welt des schoenen Scheins Addis, 18.12.2004Mitten in Addis steht eine Festung, sie gehoert zum Koenigreich Sheraton, die Residenz der Reichen und der Businesswelt, inmitten der Strassenbuden und alltaeglichen Durchschnittsarmut. Wir gehen hin, um Geld zu wechseln. Vorbei an den uniformierten Wachen, durch Sicherheitsschleusen in die wohltemperierte Halle. Professionell laechelndes Personal begruesst uns zurueckhaltend, alle ausgebildet in Europa. Aus den Lautsprechern rieselt sanft Konserven-Weihnachtsmusik, unter dem Weihnachtsbaum liegen Deko-Geschenke, alles funkelt und glitzert. In diesem gigantischen Hotelkomplex kosten die Zimmer im Schnitt 300 $ die Nacht, die Suite ist fuer schlappe 4.300 $ zu haben. Eine Summe, die fuer einen Aethiopier einem Lottogewinn gleichkaeme. Aber fuer Einheimische ist dieser Schuppen auch nicht gedacht, hier ist man entre nous. Im hoteleigenen Bookshop wollen wir ein Buch ueber die afrikanische Entwicklungspolitik mit Kreditkarte bezahlen, immerhin 198 Birr, umgerechnet ungefaehr 18 Euro. "No, not for small amounts", laechelt mir die aethiopische Kassiererin entgegen. Was denn, bitteschoen, not a small amount fuer sie sei, moechte ich von ihr wissen. "Starts at 500 Birr", ist ihre gepflegte Antwort. 500 Birr! Das durchschnitliche aethiopische Monatseinkommen ist hier der Mindestbetrag fuer Kreditkartenzahlung. Unfassbar! Wer hier absteigt und behauptet, in Aethiopien gewesen zu sein, luegt sich in die eigene Tasche. Als interessante Randbemerkung sei noch erwaehnt, dass die Sheraton Hotelkette dem Aethiopier Al Amoudi gehoert. Und nicht nur die, auch den Pepsi Konzern nennt er sein Eigen. Ausgewandert in den 70ern residiert er nun in Saudi Arabien. Ars vivendi! nach Diktat verreist -dwo |
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