sonntagmorgen in budapest budapest, 24.10.2004ich geh die marmorstufen in dem alten wohnhaus in der rakozsi ut 27 runter, in dem wir abgestiegen sind. auf einem treppenabsatz fuehrt eine tuer auf einen balkon in den hinterhof. noch ist er gruen zugewachsen. die luft feucht und frisch, der himmel leider immer noch bedeckt. aus irgendeiner wohnung plaerrt abbas "honey, honey" herueber. im cafe randevu, ein paar meter vom hauseingang entfernt, ist noch nichts los. erst heult george michael, dann laeuft tuerkischer pop und "murder on the dancefloor". der cappucino ist der bedienung beim mitwippen des beats zu duenn geraten. aber er ist unverzichtbar wie an jedem morgen. waehrenddessen schlaeft woldo noch oben ihre erkaeltung nieder. ich schaue auf die strasse. pfuetzen eines naechtlichen regengusses stehen auf dem breiten buergersteig, der ebenso wie die sechs spuren der rakozsi ut asphaltiert ist. das gibt ihm etwas schmuddeliges. man moechte nicht auf ihm flanieren. die menschen eilen vorbei: eine rothaarige 15-jaehrige mit langem schwarzem ledermantel und doc martens, in der hand eine plastiktuete; ein grauhaariger mittfuenfziger, lang, mit schnurrbart, brille und hellem trenchcoat, typ arzt; ein alter mit wollener schirmmuetze und abgetragenem anzug, auf dem ruecken ein rucksack, in der hand eine art fototasche, an denen er schwer zu schleppen scheint, die augen sind halb geschlossen beim humpeln; ein ehepaar mit frischgekauften blumen, sie schaut noch mal auf die uhr, man ist verabredet; ein mittvierziger, der kraftvoll gelassen ausschreitet, braune lederjacke, braune cordhose, der kurze bart gepflegt; ein junges paerchen mit nicht ganz trendigen klamotten, er schaut angestrengt, sie haelt seine hand und redet, leicht laechelnd; ein alter herr, jawohl ein herr, denn er traegt noch einen ausgehhut, den trenchcoat geguertet, tappt er vornueber gebeugt mit unsicheren schritten, in der rechten hand haelt er ein paeckchen graupen oder so; ein paar mit kinderwagen, beide tragen jeans und po-lange schwarze lederjacke, diese stumpfen teile, die so teuer sind, ihre frisuren sind gepflegt, aber langweilig; nochmal werden blumen in papier vorbeigetragen... wie sieht's auf der anderen strassenseite aus? im erdgeschoss der vergilbten, maechtigen altbauten befindet sich eine ladenzeile. die durchgezogene fensterfront erinnert noch ein wenig an vergangene tage im sozialismus: die auslage ist nicht eben gekonnt drapiert. um den sozialismus abzuschuetteln, hat man offenbar zu knalligen folien gegriffen und discount-slogans auf die fenster geklebt. im "csibefarm" lacht uns gar eine riesige henne vom schaufenster an, deren stil zwischen broesels "werner" und den roadrunners von schweinchen dick liegt. schreien gelb und gross. ein laden mit taschen - drueber steht "fuerdoeszoba felszereles", oha, die ungarische sprache! -, daneben uhren, ein weiterer mit komischen klamotten... seltsame haupstrasse, diese rakozsi ut, zwischen zentrum und hauptbahnhof. -nbo |
| Budapest - Manikuere einer Stadt budapest, 23.10.2004Wie kann ein einzelner Kopf bloss so schwer sein. Mindestens ne gefuehlte Kiste Bier trage ich auf meinen Schultern mit mir rum. Seit Tagen nun schon diese bloede Erkaltung, genau genommen seit Berlin. Wie aergerlich. Alles wie in Watte. Trotzdem faellt mir auf, wie sehr sich die Stadt seit meinem letzten Besuch vor acht Jahren gewandelt hat. Keine fliegenden Haendler mehr auf den Bruecken. Bestimmt sind einige von ihnen in die schicken Laeden gezogen auf der zum Fluss liegenden Seite von Pest. Eine typische Einkaufsmeile wie man sie in vielen Grosssteadten findet. Geschniegelt und geleckt. Die Stadt macht sich den Dreck unter den Naegeln weg. Wie schade, gerade das Unperfekte gab ihr diesen gewissen Charme. Das Paris des Ostens macht sich heute stadtfein. Man will sich sehen lassen koennen. Die Frauen mittleren Alters putzen sich raus. Wohlstand rund um die Hueften, von den Schultern bis zum Steissbein. Auf dem Kopf tragen sie ne Frisur á la Rosi Mittermaier, die gesamte Farbpalette, aufgeklebte Fingernaegel, Puh-Parfum und natuerlich ein Handy am Ohr. Die Innenstadt gibt Vollgas. Budapest, die heutigen zwei Stadtteile sind so unterschiedlich, wie es unterschiedlicher nicht geht. Das museale Buda mit Burg und Kathedrale wirkt eher leblos, als wir auch noch ausgerechnet an einem Feiertag hinkommen. Hinter dem Huegel, wo der olle Gellert sein bronzenes Kreuz gen Himmel reckt tut sich herzlich wenig. Wohnstrassen und runtergekommene Plattenbauten. Auch die Haupteinkaufsstrasse wirkt irgendwie tot. Hier wird nicht gelebt, nur gewohnt. Zumindest heute. Ganz anders dagegen das quirlige Pest. Rund um den Calvin-Platz tuemmelt sich die Jugend in den zahlreichen Kneipen und Cafés. Nach achtstuendiegenm Dauerlauf lassen wir uns bei einem Thai nieder. Mal Lust auf nix deftiges. Ich freue mich riesig auf meine Kokos-Suppe, als ich eine Schale Eintopf hingestellt kriege. Muss wohl ein Irrtum sein, sage ich dem Kellner. Aber nichts da. "It's not like in Thailand here, different." , klaert er mich auf. Achso, ja nee, klar. Stimmt ja, so stands ja auch auf der Karte: 'Thai-Cocos Soup'. Was hatte ich auch erwartet, samesame but different, eben. Also dann doch wieder herzhaft. Na, egal. Neben uns nehmen drei Puh-Rosis platz. Omi, Mutter und wohlgenahrte Tochter. Die beiden Frauen diesmal blondbehauptet, die Tochter ist noch nicht alt genug fuers Faerben. Ganz Europa diskutiert sich wund ueber das Nichtrauchen, aber waehrend am Nebentisch die neuesten sitzen, kommt mir in den Sinn, die Restaurants neu zu unterteilen. Denn wem schmeckt schon ein Rind oder Huhn an Calvin Klein? Mir juckts schon wieder im Gehirn, wo ist eigentlich mein Taschentuch? nach Diktat verreist -dwo |
| a night out at the trafo budapest, 23.10.2004am ende der raday utca, der kneipenstrasse am suedende des zentrums, wird es weniger bunt und schlichter. dort liegt in einer seitenstrasse das "trafo", ein ehemaliges kino. hier kommen offensichtlich die nachtschwaermer zusammen, die mit gestyleten bars, pubs und bumsdiscos nichts am hut haben. die zahl der turnschuhe, knappen t-shirts und verwaschenen jeans nimmt schlagartig zu. es ist fast wie zuhause in st. pauli. unten im keller ist ein club mit sofas wie im "gruenen jaeger" (pferdemarkt, st. pauli). in einem weissgekaelkten raum daneben werden versuche ausgestellt, gelscheine in einen "anderen zustand zu transformieren". kurz, sie werden zerstoert: mit schwefelsaeure, edding-bemalung, speicheleinwirkung durch 10-minuetiges kauen, eine maus oder haushaltsbleichmittel, und anschliessend werden sie in petrischalen dem publikum dargeboten. wunderbare idee. der haupt-act des abends findet aber oben im alten kinosaal statt: SEX MOB aus new york werden von einem buntgemischten publikum erwartet, dass zuvor hoeflich eine ungarische free-jazz-combo ueber sich hat ergehen lassen. sex mob sind anders: nicht einfach ein jazz-quartett, sondern eine richtige BAND! besetzung: posaune, saxofon, kontrabass und schlagzeug. posaunist stephen bernstein erfuellt sofort die buehne. ein kurzer, energetischer new yorker, der ueber den boden federt beim gehen. haare kurzgeschoren im albert-camus-look. ein breites grinsen dazu, und dann brennen er und seine kumpane ein feuerwerk ab. es ist jazz auf der hoehe der zeit. keine standards aus der grossen vergangenheit stilsicher, aber kraftlos wiedergegeben, auch kein akademisches free-jazz-gefrickel. nein, praezise und reduziert entfachen sie einen richtigen groove. der bassist, ernst und fuellig, gibt einfache loops vor, die eher an hiphop-samples erinnern. wie ein fels in der brandung - so muss ein bassist sein - haelt er kurs, waehrend der drummer einsteigt. nun bernsteins kurze posaune, sehr akzentuiert. das saxofon antwortet, und zwischen beiden entwickelt sich ein musikalisches gespraech. dann ein heftiger ausbruch, eingeleitet von der unglaublichen kreativitaet des schlagzeugers. der typ sieht aus wie woody allen in jung und hager, aber er lacht oefter. und die band geht ab. wahnsinn. der klassiker "st. louis blues" wird ebenso verwandelt wie "goldfinger" aus dem alten bond-film oder nirvanas "smells like teen spirit". das publikum tobt, als sie schliesslich abtreten. fur die zugabe bittet bernstein den DJ an den plattenteller, der vorher die etwas ungluecklich agierenden free-jazzer begleitet hatte. der mann hat nerven: legt hand ans vinyl und bringt die jazzer von sex mob zum staunen. die steigen auf den beat ein, und wuerden wir nicht alle auf unseren konzertstuehlen hocken (es ist ja ein jazz-konzert - vorsicht, kultur), haetten wir alle sofort losgegroovet. bernstein - wie sein grosser namensvetter - dirigiert und treibt die band zu hoechstleistungen. der woody-allen-drummer spielt gar auf seinem hocker, um seinem schlagzeug-set irgendwelche neuen toene zu entlocken. dazwischen findet bernstein zeit fuer einen schnack. im beruehmten gellert-bad habe er vor zehn jahren eine massage bekommen, die "almost homoerotic" war. als er wieder im hotel ankam und sich dort einen porno ansah, habe dieser im gellert-bad im massageraum gespielt. so hat jeder seinen budapest-flash und das publikum schreit vor freude. so sanft und weich wie die gellert-massage geht's dann ins letzte stueck, fast homoerotisch eben. dann ist der sex mob von der buehne. der jazz ist doch noch nicht verloren. -nbo |
| ein paar tipps zu krakau und bratislava... 22.10.2004KRAKAU --- uebernachten kann man im stadtteil kazimierz in den dachzimmern des cafe mlynek am plac wolnica 7, fon: 0048-12-4306202. doppelzimmer kostet ca. 30 euro incl. fruehstueck. in kazimierz rund um plac nowy befinden sich etliche bars und kneipen, zum teil mit galerien. sehr gute juedische kueche gibt es in einem restaurant, das aus vier ehemaligen laeden besteht, deren trennwaende entfernt wurden. draussen haengen noch die vier alten ladenschilder von nowak, holcer, kac und kohan, liegt in einer kleinen gasse zwischen ulica miodowa und ulica szeroka (dem ehemaligen zentrum des juedischen viertels). das essen schmeckt noch besser als im bekannten restaurant "alef" in der ulica szeroka (das uebrigens auch ein hotel ist). gegenueber liegen auch die synagoge und der juedische friedhof. BRATISLAVA --- uebernachten: im zentrum, wenn man nicht in ein hotel will, am besten in der gremium penzion. doppelzimmer kostet 40 euro ohne fruehstuck. adresse: ulica gorkeho 11, fon: 00421-2-54131026. brauchbare kneipen gibt's in der ulica venturska (ecke panska) in der altstadt, in der sich touristen und nachtschwaermer gleichermassen tummeln. fuers essen empfehlenswert ist das restaurant krusovicka izba in der ulica frantiskanska, auch altstadt. der kellner verbreitet noch schmaeh, wenn er in oesterreichisch eingefaerbtem deutsch fragt: "fuer die dame ein viertel, und fuer den herrn ein grosses?" (will heissen, ein wein und ein bier). essen ist deftig slowakisch. einzig fruehstuecken ist etwas schwierig. guten kaffee gibt"s zwar ueberall, aber dabei gemuetlich sitzen fast unmoeglich. |
| snapshot bratislava, 21.10.200420:00 Uhr, wir sitzen in einem Pub. Dunkles Holz bestimmt die Athmo. Vinyl haengt an den Waenden. Wer was auf sich haelt, traegt nen Pferdeschwanz, Tiedemann haette seine helle Freude. Trendglatzen gibts nicht. Direkt vor uns spielt eine Live-Band (zwei E-Gitarren, eine E-Bratsche) die ueblichen Schmonzetten von Robbie Williams bis Guns`n roses. Natuerlich alle drei Jungs mit Pferdeschwanz. Knutschende Paerchen, kichernde Bedienung. Weinseelige Stimmung. Die Musik wird ruppiger. Eine Agro-Version von Mrs. Robinson. Dann ein lokales Stueck. Echt cool die Jungs, super Stimmen, die Bratsche gibt alles. Wir sind mittendrin. Lassen uns treiben. Keine Verpflichtungen, nur noch stoffwechseln. Was machen wir morgen? Wir werden sehen. Spaetestens morgen werden wir es wissen! nach Diktat verreist -dwo -- slowakische heldengesaenge, die gitarren rollen, die e-bratsche zuckt im stakkato, die rohirrim aus dem herrn der ringe scheinen auszureiten. liegt rohan etwa hier um die ecke?ritterliche pferdeschwaenze ueberall, in der tat. bratislava geht gut ab. keine puppenstube, dafuer ist die einkaufsstrasse zu oll. where the hell is bratislava, werden viele denken. kennt keine sau. nur 40 kilometer von wien die donau stromabwaerts. von wegen osten. da will jemand den langen schatten von prag, der verklaerten ueberstadt loswerden. keine ahnung, ob dieser staat dafuer unabhaengig werden musste. aber europa ist da. die leute hier sind entschlossen. B wie bratislava. muss man sich merken. -nbo |
| Krakau, eine Landpartie krakau, 19.10.2004Nachdem wir an unserem ersten Etappenziel Krakau einen Tag durch die illustren Strassen geschlendert sind, sitzen wir am Dienstag im Bus und schunkeln durch die Landschaft.
Der Himmel lacht, doerfliche Idylle ausserhalb des Stadtzentrums. Bettwaesche lueftet an Balkongittern, der Futtermais ist noch auf den Feldern, hier mal ein Zementwerk, ein Autofriedhof. Eine Gegend, die es aehnlich auch bei uns gibt. Alles ganz friedlich, polnischer Alltag.
Und zum Land gehoeren die Leute und zu den Leuten die Geschichte...
Wir stehen auf dem Gelaende von Auschwitz. "Oh," mag manch einer denken, "sie machen eine Betroffenheitstour. Vom Voelkermord der Nazis ueber die Apartheid in Afrika bis zu den boesen Buren am Kap." Nein, tun wir nicht. Aber dort, wo uns die Geschichte eines Landes, die auch unsere eigene ist, anspringt, moechte ich nicht wegsehen. Ich koennte jetzt all die grausigen Eindruecke und Bilder zitieren, die jeder schon mal in Dokus gesehen hat. Aber das spare ich mir besser. Was mich allerdings viel mehr beschaeftigt hat im positiven Sinne, ist die Tatsache, dass es weitergeht. Egal wie, aber es tut's. Keiner von den 1,5 Mio. Toten wird je wieder lebendig. Das einzige, was wird tun koennen, ist, uns hin und wieder daran zu erinnern. Damit diese schlimmen Greueltaten, zu denen der Mensch faehig ist, nie wieder passieren.
Und gerade, dass die Sonne lacht ueber den Baracken von Auschwitz macht das Ganze so grotesk. Aber so ist es eben, es geht weiter! Aehnlich muessen auch die Leute gedacht haben, die ihre Haeuser direkt neben dem Gelaende gabaut haben und deren Vorgaerten jetzt Naht an Naht mit dem Stacheldrahtzaun sind. Zugegebenermassen nicht gerade der schoenste Ausblick von Balkon. Das haette ich mir dann doch verkniffen.
nach Diktat verreist -dwo
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| stadt des todes 19.10.2004, auschwitz/oswiecimdas wetter ist an diesem tag von einer guetigen ironie. die sonne scheint aus einem strahlend blauen herbsthimmel auf die reste der einstigen todesfabrik. nimmt ihnen den groebsten schrecken. unzaehlige reisegruppen schieben sich durch die KZ-wege. japaner schiessen entspannt das obligatorische urlaubsbeweisfoto vor dem tor, ueber dem der spruch "arbeit macht frei" prangt. polnische schulklassen reissen draussen auf eine zigarettenlaenge witze. das grauen liegt nicht einmal als schatten auf den gebaeuden. die monstrositaet des verbrechens ist kaum begreifbar. nur in den baracken, in denen berge von schuhen, koffern oder haaren der ermordeten fuer die nachwelt aufbewahrt sind, wird es in ansaetzen sichtbar.
aber es verschlaegt mir dennoch die sprache. gerade, weil ich aus deutschland komme. schweigend ist mir der ort ertraeglich, alle vernehmlichen deutschen worte kommen mir schlagartig unglaublich deplatziert vor. sie sind hier oft genug gefallen. sie starren mich in buerokratischer kaelte aus den zahlreichen SS-schriftstuecken an, die in den vitrinen ausgestellt sind. dass die schergen keinen klaren kopf gehabt haetten bei dem, was sie taten, laesst sich beim besten willen nicht sagen. da wurde "mitgedacht", was das zeug haelt. einer ereiferte sich etwa, ob man das von den toten geraubte zahngold, das die wehrmachtsaerzte nicht brauchten, nicht - gegen eine "quittung" - der reichsbank zufuehren solle, wo es "sinnvoller" angelegt sei. akribische listen von haeftlingen, trockene paragraphenhuberei, totenscheine voller luegen...
sicher habe ich vorher einiges darueber gelesen, habe auch "schindlers liste" gesehen. aber dies ist der ort des verbrechens selbst, nicht mehr von buchseiten oder kinoleinwaenden auf distanz gehalten. hier ist auschwitz, das schwarze loch der deutschen und auch der europaeischen geschichte.
drei kilometer weiter in auschwitz-birkenau, dem zweiten, spaeter angelegten teil des KZ, weitet sich das ohnehin schon unfassbare noch einmal in seinen dimensionen. eine regelrechte stadt des todes oeffnet sich kilometerweit hinter jenem tor, das wir so oft auf alten aufnahmen gesehen haben. von vielen baracken sind nur noch betonpfeiler uebrig, ragen zahllos aus dem gras, das heute alles ueberwuchert. aber die nachmittagssonne laesst kein kopfkino zu. ich kann mir nicht vorstellen, wie hier 90.000 menschen eingepfercht in der maschinerie der vernichtung gelebt haben koennen. erst spaeter, als ich anna pawelczynskas buch "werte gegen gewalt. betrachtungen einer soziologin ueber auschwitz" (dt. 1994 erschienen) beginne, steigen erste bilder hoch. gerade die nuechternheit ihrer analyse, in der sie sich - bewusst, wie sie schreibt - ihrer eigenen auschwitz-erlebnisse enthaelt, ueberwaeltigt mich. mehr noch, beunruhigt mich. die zur floskel, zur politischen sonntagsrhetorik verkommene forderung "nie wieder auschwitz!" bekommt wieder kraft. orwells "1984" ist blass im vergleich zu ihrer beschreibung des KZ-systems. mir kommt carl amerys bemerkenswertes buch "hitler als vorlaeufer" in den sinn. amery argumentiert, dass das eindimensionale terror-weltbild des nationalsozialismus moeglicherweise nur ein erster testlauf fuer biopolitische apokalypsen des 21. jahrhunderts war, die durch globale umweltzerstoerung, ueberbevoelkerung und politische konflikte ausgeloest werden koennten. es sind kleinigkeiten wie jene porzellanisolatoren an den einst unter starkstrom stehenden stacheldrahtzaeunen oder die schlichten betonpfeiler, die zeigen, dass es sich hierbei nicht um relikte einer fernen epoche handelt, sondern um das technisierte 20. jahrhundert. die gegenwart ist nicht weit entfernt. man vergisst das nach 60 jahren leicht.
das ausmass des vernichtungslagers mahnt aber auch: guantanamo oder der neue wall am westjordanland sind nicht auschwitz. die relation der graeuel verrutscht vielen heutzutage zu leicht, ja zu leichtfertig im ereifern ueber die weltpolitik. ein bild brennt sich mir an diesem nachmittag ein, dass mir eine gewisse erleichterung verschafft: es ist die wehende israel-flagge, die zwei israelische schulklassen ueber ihren koepfen halten. eine bestaetigung gandhis, der einmal schrieb: â€ûEs ist meine feste Ãberzeugung, dass nichts Dauerhaftes auf Gewalt aufgebaut werden kann." -nbo |
| der schatten der geschichte krakau, 18.10.2004wir steigen im stadtteil kazimierz ab. im cafe mlynek am plac wolnica, ueber dem wir wohnen, haengen neue bilder zum verkauf. sie erinnern mich in ihrer rohheit ein bisschen an die von karlos artstore in st. pauli. rund um den plac nowy reihen sich die neuen bars und cafes aneinander. aber die szene ist nicht fuer touristen angerichtet. hier trinkt das neue krakau. die hochgelobte altstadt dagegen, durch die wir am naechsten tag streifen, ist mir zu huebsch, zu puppenstubenhaft. dass krakau "das muenchen polens" sei, wie jemand vorher gesagt hatte, kann man durchaus so sehen. fuer mich aber kein kompliment. mir kommt es vor, als sei die stadt, die einmal hauptstadt polens war, von einem jahrhunderte waehrenden schlaf am rande der habsburger-monarchie erwacht und putze sich nun heraus. als wir die dietl-allee aus der altstadt kommend richtung kazimierz ueberqueren, wird es gleich grauer und grossstaedtischer. strassen voller altbauten, die eher an friedrichshain oder das westliche lichtenberg erinnern. schon stehen wir vor dem alten juedischen friedhof am platz der szeroka-strasse. wir gehen in die synagoge, die daneben steht. ein altes paar beaufsichtigt streng die ankommenden touristen. ich fuehle mich ploetzlich nicht wohl in meiner haut. 65.000 juden haben bis zum zweiten weltkrieg und zum holocaust in kazimierz gelebt. beim anblick der gassen und fassaden fallen mir die "zimtlaeden" ein, jenes theaterstueck anfang der 90er in berlin, in dem die untergegangene welt der osteuropaeischen juden wie gespenster noch einmal lebendig wurde. nichts ausser ein paar schildern und zeichen an den hauswaenden ist uebrig geblieben, in kazimierz ebensowenig wie in anderen staedten der region. in einem dieser versuche, an die alte zeit anzuknuepfen, hatten wir am ersten abend gegessen. im restaurant "alef". am nachbartisch sassen vier alte, drei maenner und eine frau. sie sprachen hebraeisch. was der weisshaarige wohl 1943, 44 erlebt hat, fragte ich mich. die frau musterte uns zwischendurch mit einem blick, der sich nicht deuten liess. es war ja nicht zu ueberhoeren, wo wir herkommen. die geschichte holt einen immer wieder ein. morgen wird sie uns wohl eher wie ein nasses handtuch ins gesicht treffen, wenn wir nach auschwitz fahren. aber das muss sein. -nbo |
| floating downstream... berlin, 16.10.2004hinter dem gendarmenmarkt befindet sich das floatcenter. eine schwaebische frohnatur par excellence bereitet uns dort auf die samadhi-tanks vor. das sind eine art meditationstanks, die john lilly in den 50ern fuer die US-Navy entwickelt hat. 300 kilo salz sind in 600 liter wasser geloest. unmoeglich, darin unterzugehen. die tankkapsel beinhaltet sozusagen eine miniatur des toten meeres. sie sieht aus wie ein kleiner wal, lang und bucklig.
ich steige ein, lege mich ins wasser und lass den deckel runtergleiten. rotwarme dunkelheit umfaengt mich. das salzwasser hat koerpertemperatur. kein druck auf der haut, nirgends. schwerelosigkeit, fast. durch die ohren unter der wasseroberflaeche dringen ab und zu ferne, gedaempfte geraeusche. ich schwebe in meiner kapsel wie in einer anderen welt. back to the roots, als ob ich noch einmal dicht an meine zeit als foetus herankomme. koerperloses bewusstsein, die reine existenz, vor meinen geschlossenen augen tanzen kaskaden aus blautoenen, breiten sich aus, ziehen sich wieder zusammen. nur wenige konkrete bildert. totale ruhe, absoluter anti-stress. gar nichts. auch keine langeweile. eher eine art re-boot: dahintreiben, noch mal von vorne anfangen. noch mal aufbrechen. -nbo |
| zwischen farce und saddam-altar berlin, 15./16.10.2004berlin meint es gut mit uns. vom zoo geht's zum senefelder platz und ein paar minuten spaeter stehen wir in mr. walters appartement. ein appartment mit sehr viel platz, in dem ein plattes zebra auf dem boden liegt. so muss es sein, wir wollen ja schliesslich nach afrika. hightech und filmtrophaeen um uns herum, wie angenehm angesichts des ueberbordenden retroquatsches im kollwitz-kiez. das viertel wird immer absurder. nicht nur thermopen-fenster und yucca-palmen in den kneipen - uebelste verfrankfurtung des inneren ostens - nein jetzt werden auch noch mutwillig die 20er herbeizitiert. alles ist so kulturell und gediegen. wohnen hier nur geisteswissenschaftler? die kulturbrauerei, in der wir noch ins kino gehen, setzt dem ganzen die krone auf. vor sechs jahren war ich das letzte mal hier. und jetzt? ein uebler berliner themenpark und gleichzeitig voll amerikanisiert mit all den neon-schriftzuegen ueber den bareingaengen. das ganze ist so steril. eine trauer.
gregor rettet den prenzlauer berg am naechsten abend, als er uns ins bassy auf der schoenhauser allee fuehrt. ja, das ist das richtige berlin. ein roher enger hinterhof, fast eine britische fabrikatmosphaere mit schornstein und ziegelwand, am ende ein altar mit einem riesigen saddam-poster. in der mitte des kleinen hofes lodern flammen aus einer oeltonne. eine schoene art und weise, vermeintlichen daemonen wie saddam das irrational boese zu nehmen, indem man sie einfach zum witz umfunktioniert. toller laden, das ist noch der spirit des frueh-90er-berlin, nicht dieser ueble hauptstadt-retro-kult der gegenwart. berlin soll roh sein, roh bleiben, wenn es schoen sein will. alles andere wird zur farce. -nbo |
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