was ist reisen?
30.10.2004

es ist halb vier nachts im bosporus-"express" zwischen bukarest und istanbul, und an schlaf ist nicht zu denken. nach anderthalb stunden paesse zeigen, vorm grenzschalter antreten, wieder paesse zeigen, dabei dem ueberdrehten gebrabbel zweier schlafloser rumaeninnen lauschen, bin ich in diesem zustand nervoeser, kraftloser schlaflosigkeit angekommen. einzig das bett des CFR-schlafwagens ist in ordnung, der rest eine farce: kein speisewagen fuer eine 20-stundenfahrt, die klos sind verdreckte latrinen, die kabinen mit ihren blindgeschrubbten fenstern und dem abgesprungenen furnier nur transportzellen. das ist so ein augenblick, in dem einem die frage durch den kopf schiessen kann: warum machst du das eigentlich? ist es die perverse lust eines wohlstandseuropaeers an komplikationen, chaos und schmuddel? "back to the roots" kann man solche touren wie im bosporus-express nicht nennen, denn jeder anfang des eisenbahnwesens war besser als das (und schlafwagen in indien sind luxus dagegen). im grunde steckt darin die frage: warum reist man ueberhaupt? ja, was ist reisen? fuer mich ist die essenz des reisens immer die bewegung gewesen. eine permante bewegung durch fremde gegenden. das erfahren einer landschaft, im urspruenglichen sinne des wortes: "er-fahren". die permanente bewegung fordert dich heraus, mehr noch als das zurechtkommen mit einem fremden ort, an dem du dich gerade aufhaeltst. die bewegung zwingt dir als reisendem ihren rhythmus auf, der sich aus der beschaffenheit des raumes ergibt: berge, fluesse, grenzen, politische komplikationen, schlechte infrastruktur, ernaehrung, krankheiten... es gibt keine moeglichkeit zum rueckzug mehr. der reisende wird zur schnecke, schutzlos, mit nur einer tasche als gehaeuse, das er ueberall mithinschleppt, um nicht ganz nackt zu sein. es ist eine erfahrung des reduziert-seins: ploetzlich gibt es nur zwei hosen und ein paar t-shirts, aber siehe da, sie genuegen. der ganze kleiderschrank zuhause ist nur notwendig, um von zeit zu zeit rollen in der gesellschaft zu spielen, rollen, die du spielen willst oder auch musst. auf der reise hast du nur eine rolle, bis zum ende des stueckes. du musst also wacher und auch schlagfertiger sein als zuhause, weil du dich hinter keine maske zurueckziehen kannst. die kunst der reduktion ist also gleichzeitig gepaart mit einer schaerfung der sinne. natuerlich ist das ein prozess und kein zustand, der sich mit der abfahrt einschalten laesst. nun koennte man einwenden, dass diese betrachtung ja nur vom reisenden ausgeht, nicht von der fremden kultur. kann man dieser in permanenter bewegung ueberhaupt gerecht werden? geht es hier nicht nur um einen egotrip? dieser einwand, den ich so oft gehoert und mit manchen freunden diskutiert habe, erscheint mir wie eine bildungsbuergerliche heuchelei. wer reist, tut das immer zuerst aus seiner eigenen neugier, seiner abenteuerlust heraus, wie kulturbeflissen dieser drang auch verbraemt sein mag. die entscheidung des reisenden, fortzugehen und neues zu entdecken, steht immer anfang, nicht das ziel. wir reisen, weil wir lust dazu haben und nicht, weil wir eine "interkulturelle" pflicht erfuellen wollen (ja, auch hier der immer wiederkehrende, sehr deutsche gegensatz von lust und pflicht, den schon schiller so schoen verspottet hat). der zweite trugschluss ist meines erachtens der glaube, dass man einer fremden kultur ueberhaupt je gerecht werden kann, wenn man nur den bewegungsradius klein haelt, sie sozusagen von einem ort aus langsam in kreisbewegungen entdeckt - das ist schon in der eigenen kultur unmoeglich. da moechte ich doch wirklich gerne mal wissen, wer glaubt, dieses gebilde "deutschland" halbwegs erfasst zu haben. ich habe im ruhrgebiet, in hessen, berlin und hamburg jahre meines lebens zugebracht, aber verstehe ich deshalb das leben in sachsen oder baden? da mag ein englaender oder spanier, der einige zeit dort zugebracht hat, mehr drueber wissen. es gibt noch eine wichtige unterscheidung: reisen ist nicht urlaub. urlaub ist ver-reisen, aber in dem zwiespaeltigen wortsinn, den die vorsilbe "ver" im deutschen ausdrueckt, wie in verfallen oder verlaufen. urlaub ist, wenn ueberhaupt, die kunst der entspannung. aber letztlich ist er nur dem effizienzwahn des modernen kapitalistischen arbeitslebens geschuldet, das keinen muessiggang im alltag mehr duldet. reisen im sinne einer permanenten bewegung durch die fremde hat mit diesem reparaturverhalten nichts zu tun. es handelt sich um eine eigene seinsweise, den letzten rest des nomadentums, der einem westler im 20. oder 21. jahrhundert noch moeglich ist. indem der reisende sich durch viele kulturen hindurchbewegt, kann er aber ausgerechnet das hypermoderne "global village" in seiner ganzen verwirrenden komplexitaet und vielfalt am ehesten wahrnehmen. die kuenstliche klarheit einer "national"kultur hingegen, die der bildungsreisende erkundet, wenn er bewusst nur in ein fremdes land faehrt, kann sich in ein gift verwandeln, das die koepfe vernebelt, die menschen in einer truegerischen sicherheit des verstehens wiegt und am ende doch betruegt. urlaub, bildungsreise und das nomadische reisen sind drei arten, sich in die ferne zu begeben. eine existenzielle erfahrung ist nur das nomadische reisen. die wuensche ich jedem wenigstens einmal im leben. -nbo

 

Bosporus-Express
istanbul, 30.10.2004

14:00 Uhr, wir steigen in den Zug, der uns in sage und schreibe 20 Stunden nach Istanbul bringen soll, fuer eine Strecke von ungefaehr Hamburg bis Muenchen. Unser Schlafwagen entpuppt sich als marodes Klappergestell. Na denn, gute Nacht! Schaebig und voll auf den Hund gekommen. Aber dass das noch zu steigern ist, weiss ich, als ich aufs Klo gehe. Uhbah! Eine bestialisch stinkende Kloake, der man die Spuren der Menschheit nur allzu deutlich ansieht. Aber was solls. Wer muss, der muss. Akrobatische Toilettenturnuebungen, André Heller laesst gruessen. Maenner habens da echt einfacher! 21:00 Uhr, Schalfen befohlen! Unsere "Betten" werden ausgeklappt. Neben uns im Abteil wird schon deutlich hoerbar geschalfen, der Typ schnarcht wie nichts Gutes. In stockfinsterer Nacht, um viertel vor zwei, wird wie wild an unserer Abteiltuer geruettelt. "Passports!". Ah, die Grenze Bulgarien-Tuerkei. Die Paesse werden gestempelt und nach ner guten Stunde nehmen wir erneut Fahrt auf. OK., weiterschlafen, so gut es geht bei dem Geklappere und Geschaukel. Aber denkste! Wieder werden wir barsch wachgedroschen. "You have to go for visa!". Achso, also dann, Anziehen, raus auf den Bahnsteig, in die Schlage stellen und vom tuerkischen Grenzbeamten nen Stempel abholen. So, nun aber. Wieder ein ins Abteil, Klamotten aus. Der zweite Versuch einzuschlafen. Hah, weit gefehlt. Nach 40 minuetigem Aufenthalt an der Grenzstation meinen die tuerkischen Grenzbeamten jetzt nochmal jeden auf seinen Stempel im Pass kontrollieren zu muessen. Verstehe das, wer wolle. Dann endlich, aller guten Dinge sind drei, die letzten 5 Stunden bis Istanbul lassen sie uns dann doch ungestoert schlafen, danke. Woher der Zug seinen gloreichen Namen hat, ist mir ehrlich gesagt voellig schleierhaft. nach Diktat verreist -dwo

 

ein paar tips zu sibiu und bukarest...
29.10.2004

SIBIU/HERMANNSTADT - uebernachten: die pension "podul minciunilor" in der str. azilului ist nett und ruhig. grosse zimmer mit bad und tigerbettwaesche. doppelzimmer kostet 22,50 euro pro nacht. sie liegt uebrigens in der naehe der "luegenbruecke" (rum.: podul minciunilor), auf der man die wahrheit sagen muss, sonst stuerzt sie ein. essen: das "la turn" am hauptplatz von sibiu hat eine lange karte, auf der es auch transsilvanische spezialitaeten wie schweineschnitzel mit hirn gefuellt gibt (schmeckt bescheiden). dazu laeuft entweder techno oder es spielt eine rumaenische kapelle. sehr lustig. trinken: das "art cafe" im gebaeude der philharmonie ist eine von zwei angesagten kneipen. gute musik. schoen zum versacken. BUKAREST - uebernachten: das hotel "carpati" ist nicht uebel und ueberhaupt eins der wenigen guenstigen in dem moloch. der fruehstueckskellner parliert uebrigens fliessend auf englisch, franzoesich und deutsch. ein doppelzimmer kostet 37 euro pro nacht, fruehstueck inklusive. trinken: auf dem victoriei-boulevard, hinter der kreuzung regina-elisabeta-boulevard gibt es direkt auf der rechten seite eine passage mit einigen brauchbaren bars. im historischen zentrum ist das grand cafe amsterdam ganz gut. sonst ist das in der stadt alles etwas zaeh. essen: das restaurant "burebista" (adresse wird noch nachgetragen) ist auf wild spezialisiert und bietet auch baerenfleisch an.

 

"Big apple" im Osten
bukarest, 28.10.2004

Hier wird nicht geschlendert, hier gehts zur Sache. Rastloses Treiben und wild pestender Verkehr in den Strassenzuegen in Downtown. Nichts Gemuetliches, geschweige denn Liebenswertes. Streunende Koeter rivalisieren mit barfuessigen Strassenkinderm um Essbares. Diese Stadt ist tough und sproede, ein brodelnder brutaler Moloch. "Hast Du's hier geschafft, dann schaffst Du's ueberall.", um good old Frankie zu zitieren. Sozialistische Monumentalbauten, die die ehemalige Altstadt unter sich begraben neben Prunkbauten aus frueheren Epochen. Aus dem Himmelreich der Trinker, einer gigantischen Bierhalle mit hohen Gewoelbedecken und Freskenmalereien wankt uns nachts ein Betrunkener entgegen, gepflegter Anzug, in jeder Hand ne Flasche. Nach einigen Lallungen kriegen wir mit, dass es sich um einen Russen handelt. Er will unbedingt mit uns anstossen. Waehrend wir uns zuprosten lallt er auf uns ein. Zum Abschied werden wir geherzt und gedrueckt, bekommen segnend seine Hand aufgelgt und ziehen mit der Falsche Wein von dannen, die er uns grosszuegig ueberlassen hat. Komischerweise haben wir ausgerechnet in dieser viertel Stunde das Erdbeben verpasst, wie wir am naechsten Morgen in der Zeitung lesen. Immerhin Staerke 6 auf der Richterskala. Nix gemerkt. Der Russe hat's wohl weggesegnet. nach Dikat verreist. -dwo

 

now that's what I call capitalism
bukarest, 27.10.2004

zum beeindruckenden zeugnis kapitalistischer produktivitaetssteigerung in rumaenien geraet uns die taxifahrt vom bukarester nordbahnhof zum hotel in der innenstadt. die frau von der rezeption hatte mich am telefon schon vor den "falschen" taxis gewarnt. " sie muessen unbedingt in ein gelbes taxi einsteigen und darauf achten, dass der taxameter eingeschaltet wird." gesagt, getan. wir steigen zielstrebig ins erste gelbe taxi der langen reihe vorm bahnhof. der fahrer schaltet brav das taxameter an und heizt dann wie eine gesengte sau los. tja, und dann faengt das taxameter an zu spinnen: etwa im 5-minuten-takt tickt es sich zu immer absurderen preisen hoch. toller tip vom hotel, denke ich. als wir ankommen, stehen 400.000 lei auf der anzeige (etwa 10 euro). das ist etwa so, als ob wir vom dammtor nach st. pauli 70 euro bezahlt haetten. nach dem offiziellen kilometerpreis von 8.000 lei haetten das hoechstens 50.000 lei werden koennen. ich steig aus und beaeuge misstrauisch den wagen. 30.000 lei pro kilometer steht da in zahnfarbener schrift auf gelbem grund auf der tuer, das kann man in der funzelbeleuchtung auf dem bahnhofsvorplatz ja auch gut lesen. das dumme: das ganze ist kein beschiss. "seit der liberalisierung des taxigewerbes vor zwei jahren kann jeder so viel verlangen, wie er will, und trotzdem sein taxi in der offiziellen farbe gelb anmalen", klaert uns der hotelrezeptionist gelangweilt auf. nach zehn tagen haben wir also unser erstes "schwundgeld" zu beklagen. aber irgendwie ist das doch auch beeindruckend. der taxityp verdient also acht bis zehn mal so viel pro zeit wie andere offizielle taxen. da kann er leicht verschmerzen, dass kein bukarester je bei ihm einsteigen wird. er arbeitet einfach effizienter als seine kollegen und hat mehr freizeit. 2007, wenn rumaenien in die EU kommt, wird es uns zeigen, was ein aufschwung ist. und man muss nicht mal mehr laenger arbeiten, wie uns unsere wirtschaftsvertreter seit monaten weismachen wollen. einfach mehr geld fuer wertarbeit verlangen. -nbo

 

Sibiu H null/Modell mit Baeumen
sibiu, 26.10.2004

Das ist es also, das sagenumwobene Transilvanien. Vom Turm in Hermannstadt schauen wir ueber ein wippendes Meer aus roten Schindeldaechern, am Horizont die Bergkette der Karparten. Ein idyllisches kleines Oertchen, in dem sich gerade allerhand tut. Restaurierungsarbeiten an jeder Ecke, ganze Strassen aufgerissen. Auch der grosse Marktplatz soll bis 2007 neu gepflastert werden. Bis dahin wird geschuftet, was das Zeug haelt. Und dann ist es soweit: Rumaenien tritt der EU bei und Hermannstadt ist Kulturhauptstadt Europas. Mag man heute noch gar nicht glauben, denn bislang wirkt es eher wie ne Ritterburgen Stadt von Playmobil. Ein belebtes Rothenburg ob der Tauber mit erstaunlich vielen Jugendlichen, an denen sich Graf Dracula des naechtens guetlich tun kann. nach Diktat verresit -dwo

 

reste einer parallelwelt
sibiu, 26.10.2004

am bahnhofsgebaeude steht "sibiu". aber jahrhunderte lang ist dies "hermannstadt" gewesen, die quasi-haupstadt von siebenbuergen. eine von zwei regionen auf der welt, wo man eine art deutscher "expatriat"-kultur findet (neben namibia). fuer deutsche ist ja eher seltsam, in der ferne auf einheimische zeitungen in der eigenen sprache zu stossen (wie die "hermannstaedter zeitung" oder die "allgemeine deutsche zeitung" aus bukarest), oder in geschaeften von einheimischen immer wieder auf deutsch angesprochen zu werden. wen's interessiert: hier ist die vorgeschichte. im 12. jahrhundert wurden vom koenig von ungarn siedler aus dem rheinland in das land hinter dem wald (=transsilvanien) angeworben, die sich als bauern und handwerker niederliessen. sie unterstanden nur ihm und keinem fuersten oder adligen sonst, ziemlich einmalig im mittelalter. bis ins 19. jahrhundert ist dieses als "siebenbuergen" bezeichnete gebiet dann ein eigenes staatliches gebilde unter ungarischer krone gewesen, das drei "nationen" umfasste, ungarn, szekler und sachsen (obwohl es ja eigentlich rheinlaender waren). 1557 beschloss der siebenbuerger landtag als erste region in europa die gleichstellung von protestanten und katholiken - lange vor dem 30-jaehrigen krieg, als sich beide den kopf einschlugen, und noch laenger, bevor der "alte fritz" in preussen die religionsfreiheit gewaehrte. von wegen hinterwaeldler... als nach dem ersten weltkrieg die K.u.K.-monarchie zerfiel, entschieden sich die sachsen (ebenso wie banater und sathmarer schwaben) als erste nichtrumaenische minderheit dafuer, sich dem rumaenischen staat anzuschliessen und diesen als den ihren zu begreifen. hoechst bemerkenswert zu einer zeit, in der die deutschen "zuhause" laengst vom nationalismus zerfressen waren. von wegen hinterwaeldler... die grosse abwanderung setzte im zuge des zweiten weltkrieges ein, denn in den 30er hatte dann auch der nationalsozialismus in siebenbuergen fuss gefasst, was rumaenen und russen (als besatzungsmacht in rumaenien) nicht vergassen. heute gibt es vielleicht noch 40.000 rumaeniendeutsche von einst 800.000. doch die einstige deutsche parallelwelt ist noch nicht ganz verschwunden: wer die hermannstaedter zeitung liest, findet berichte aus kronstadt, nicht brasov, aus klausenburg, neppendorf oder schaessburg... in der buchhandlung "friedrich schiller" in hermannstadt liegen gedichtbaende von rumaeniendeutschen aus, und die architektur erinnert eher ans alpenvorland als an sued(ost)europa. leute heissen hier immer noch klein, wagner oder wittstock mit nachnamen. inzwischen kommt deutsch sogar wieder in mode. wie uns toni aus potsdam, der im hermannstaedter kulturamt ein praktikum macht, abends im art cafe erzaehlt, gebe es einen richtigen run auf deutschkurse. im hintergrund laeuft dabei miles davis' "doo bop". nostalgie ist ueberfluessig: siebenbuergen war gestern, europa ist heute. -nbo

 

ein paar tips zu budapest
25.10.2004

uebernachten: wer nicht allzu viel geld ausgeben will, kann im zentrum, also in pest, ohne probleme ein privatappartment fuer 30 bis 40 euro die nacht organisieren. wenn man mit dem zug ankommt, stehen die vermieter schon in scharen auf dem bahnsteig. dass dieses geschaeft ueberhaupt so gut laeuft, liege daran, dass es immer noch zu wenig guesthouses und low-budget-hotels in budapest gebe, meinte piroska balint, in deren wohnung wir gewohnt haben. eine sehr lustige und pfiffige frau. sie hat auch noch ein guesthouse, ebenfalls in der rakoczi ut. ihre telefonnr. ist 0036-30-9225680. abends rausgehen: in der raday utca, die vom calvin-platz abgeht (das ist auch die u-bahn-station). besonders hat uns eher am ende die "jaffa"-bar gefallen. fuer konzerte und DJ-auflegereien ist das weiter unten beschriebene "trafo" in der liliom utca 41 absolut empfehlenswert (u-bahn-station ferenc koerut, nicht weit vom jaffa entfernt). kaffeehaus: von den zwei traditionscafes gerbeaud (in der innenstadt) und muevesz (in der andrassy ut, schraeg gegenueber der oper) ist das muevesz auf jeden fall vorzuziehen. im gerbeaud scheinen vor allem busladungen von rentnern abgesetzt zu werden, und es ist doppelt so teuer. badehaus: alle welt rennt ins beruehmte gellert-bad. woldo war mal vor jahren da, fand es aber eher einen ort zum pilzesammeln. das szechenyi fuerdoe im stadtpark kann ich jedenfalls empfehlen (trotz fusspilzen, die sich wohl auch tummeln). ein toller ort.

 

ein tag im zug
zwischen budapest und sibiu, 25.10.2004

budapest entlaesst uns an einem grauen, feuchten herbsttag. auf gleis sieben des hauptbahnhofs faehrt der IC nach bukarest ab: rumaenische waggons, braun und angeschmuddelt. waehrend wir ueber plattes land durch morgennebel fahren, gibt mein schwarzer kuli beim schreiben seinen dienst auf. da ich die marotte habe, nur in schwarz in mein tagebuch zu schreiben, versuche ich, im zug einen schwarzen kuli aufzutreiben. ich will schlau sein und ihn gegen einen der leuchtend blauen gauloise-kulis tauschen, die uns uli zuenkler zum bestechen aethiopischer grenzbeamter mitgegeben hat. der bebrillte kellner im speisewagen hat vielleicht einen, denke ich. ich steh also vor ihm und erklaere ihm meine marotte auf englisch. er versteht kein wort. nimmt meinen gauloise-kuli, kritzelt auf seine hand und siehe da, die tinte ist schwarz. wie peinlich. ich nehm unglaeubig den kuli und kritzele nun in meine handflaeche. kein zweifel - das teil schreibt schwarz. bin nie auf die idee gekommen, dass ein gauloise-kuli mit leuchtend blauem gehaeuse nicht blau schreiben koennte. der speisewagen-mann sieht mich mit einem blick an, als ob er mich fuer irre haelt. er schleudert mir noch ein ungarisches wort entgegen, und ich trete schnell den rueckzug an. an der rumaenischen grenze ist erst einmal stillstand angesagt. es ist offensichtlich, dass die EU hier endet: ein heer von grenzbeamten und bahnpersonal entert den zug. der grenzbeamte macht den ersten stempel dieser reise in unseren pass, der zoellner fragt uns nach mitgefuehrten pistolen, geschenken und rumaenischen lei (die waehrung dort), die schaffnerin redet rumaenisch auf mich ein, auch dann noch, als ich auf englisch bekunde, nichts zu verstehen... dann das wunder: hinter der stadt arad oeffnet sich zum ersten mal nach 1700 bahnkilometern eine landschaft, die nicht einfach nur platt, sondern von saftig gruenen huegelketten durchzogen ist, der herbst hat noch nicht begonnen, die luft ist warm, die durchs offene fenster hereinstroemt. ich schau auf die uhr. noch eine halbe stunde bis deva, wo wir umsteigen muessen. letzte gelegenheit, ungarisches kleingeld im speisewagen loszuwerden. ich pirsch mich hin, versuche, vom kellner unbemerkt, einen blick in die speisekarte zu werfen. der haelt mich sowieso schon fuer bescheuert. aha. fritten fuer 300 forint (1,20 euro). ich geh zurueck ins abteil, hole unseren blechteller. wieder zurueck zum kellner, der inzwischen mit rumaenen bier trinkt. ich bedeute ihm, die fritten in den teller hinein haben zu wollen. er verschwindet in seiner kueche. dann passiert nichts mehr. ich schau nervoes auf die uhr. noch 20 minuten. von wegen: die auslaeufer von deva kommen in sicht. ich frag den doesenden schaffner, ob das deva sei. ja, sagt er. was ist mit den fritten? ich stecke meinen kopf in die kueche. der kellner sieht mich, ich versuch ihm zu erklaeren, dass ich die fritten jetzt sofort brauche. er winkt mich an den herd, auf dem in einem sieb im siedenden fett die fritten schlapp werden. sind die gut genug fuer dich, bedeutet er mir? der zug faehrt in den bahnhof ein. er schuettet mir die fritten auf den blechteller. der zug haelt. woldo ist mit dem gepack vier waggons entfernt. ich nehm den frittenteller in beide haende und draengle mich durch ein- und aussteigende. das geht nicht schnell genug. ich steig aus und renne den bahnsteig entlang bis zum ersten waggon hinter der lok, den frittentelle balancierend. woldo hat das gepaeck in die tuer geschafft. der schaffner pfeift. es ist furchtbar. noch die jacken aus dem abteil gegriffen, rausgesprungen, und der zug faehrt ab. dann atmen wir durch, lachen und essen auf dem bahnsteig erst mal unsere fritten. der bahnhof ist fuerchterlich. er erfuellt alle klischees von suedosteuropa: ich komm mir vor wie in "schwarze katze, weisser kater". autos, die schon seit jahrzehnten nicht mehr fahren duerften, bettelnde kinder mit schwarzen nackten fuessen. wir trinken einen halben liter bier fuer 30 cent. in den rillen des bierglases aussen klebt schwarzer schmuddel. die frau an der bierausgabe lacht - lacht sie mich gar aus? immerhin: die bank, in der ich geld tausche, hat jeden tag bis 18:30 uhr auf. nicht solche behoerdenzeiten wie unsere geldhaeuser. nach dem bier gehen wir auf bahnsteig 3. kurz bevor unser zug kommt, faehrt hier ein anderer ein. er faehrt auch nicht weg, als unser zug kommt - auf gleis 2. was nun? wir greifen unser gepaeck, in den zug auf gleis 3 rein, auf der anderen seite wieder raus, woldo schrammt sich das schienbein dabei an. in rumaenien darf man gottseidank auf beiden seiten ein- und aussteigen. nicht so in unserem zug, so ein ultraneues teil von siemens, gegen den jeder deutsche IC abstinkt. hier gehen die tueren nur auf einer seite auf. was ist hier los? wir hechten zwischen den zuegen entlang, um unseren herum und dann sind wir endlich drin. bis sibiu passiert nichts mehr. wir sind da, nach 12 stunden. -nbo

 

die stadt badet
budapest, 24.10.2004

das soll ein badehaus sein? das szechenyi fuerdoe im stadtpark am ende des andrassy-boulevards erinnert eher an ein barockes stadtschloss. es ist einfach riesig. nur mit einer badehose in der jackentasche, ohne handtuch, betrete ich diesen palast der sauberkeit. leider alleine, denn woldo kann wegen ihrer erkaeltung nicht mit. ein bademeister empfaengt mich, teilt mir eine alte kabine zu. als ich in badehose heraustrete, schliesst er hinter mir ab. welch ein luxus verglichen mit den plastikspinden in unseren stadtschwimmbaedern. vorsichtig betrete ich den ersten baderaum. schwefel liegt in der luft, eine note von kakao mischt sich in den geruch. die hohe kuppeldecke ist von einer patina aus jahrzehnten ueberzogen. in den becken truebes gruenes wasser. es ist 38 grad warm, wie eine winterbadewanne. nach ein paar minuten wechsle ich ins dampfbad. die sicht reicht einen meter weit, der atem stockt augenblicklich in der bruellheissen schwuele. zwanzig menschen stehen in dieser feuchtwarmen hoelle herum. ich muss nach vier minuten passen, meine lungen scheinen zu kochen. ich verlasse das dampfbad durch eine andere tuer und lande in einer langen halle mit einem ovalen pool zum abkuehlen. die badenden lassen sich im kuenstlichen wirbel herumtreiben. wieder heraus, in den naechsten saal mit einem achteckigen becken. es ist ein labyrinth, durch das sich unmengen von badenden bewegen, dicke, duenne, kinder, greise, huebsche, haessliche, taetowierte, turtelnde, mit verwachsenen zehen, mit schoenen fuessen, europaeer, asiaten. ein babylonisches sprachengewirr verhallt im schwefeldunst. im weitlaeufigen innenhof warten noch groessere becken unter freiem himmel. am rand spielen alte maenner, im warmen wasser stehend, schach. die schachbretter sind dicke plastikfolien mit quadraten, die sie auf ein maeuerchen gelegt haben. eine gruppe schaut zu, alle brueten ueber dem naechsten zug und schweigen. ich lass mich einen moment durch die waerme treiben, dann erkunde ich den anderen fluegel dieses palastes, vorbei an weiteren pools, saunen, massageraeumen und dampfbaedern. es ist ein kunstvoller mikrokosmos der sauberkeit - den budapest den tuerken verdankt, die hier im 16. und 17. jahrhundert das sagen hatten. waehrenddessen puderte sich der debile europaeische adel und litt an kraetze. vielleicht sollte man merkel, koch und konsorten mal einen besuch im szechenyi fuerdoe empfehlen, um im schwefelbad ueber das wesen europas nachzudenken, das den tuerken angeblich so vollstaendig abgeht. -nbo

 


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