freitag in kairo, oder: was das leben hier so kosten kann 26.11.2004wochenende in kairo. alles laeuft etwas gemaechlicher ab, obwohl in der innenstadt einige geschaefte geoeffnet haben. in alt-kairo suedlich von downtown sitzen die maenner im cafe und spielen backgammon und domino. klack, klack, klack, werden die dominosteine schnell aufs spielbrett geschnallt und nach einer minute ist ein spiel rum. daneben steht ein tee, ein glas wasser. ein mann schaut kurz vom backgammon auf und winkt uns ueberschwenglich heran. nach dreieinhalb wochen im nahen osten sind unsere beruehrungsaengste gegenueber frauenlosen kaffeehaeusern geschwunden. wir setzen uns an ein tischchen und keiner stoert sich daran, dass woldo dabei ist. zwei arabische kaffee ohne zucker, bitte. dann die uebliche frage, wo wir herkomme. "germany good", lautet die schon oft gehoerte antwort. immer schwingt die wertschaetzung mit, dass sich deutschland nicht am irakkrieg beteiligt hat. ein neues erlebnis, nicht sofort mit der kriegsluesternen vergangenheit von wilhelm II bis hitler konfrontiert zu werden. hier in alt-kairo zaehlt die gegenwart. die beide kaffee kosten 1,50 pfund (etwa 20 cent). vorher hatten wir in einer baeckerei einen ganzen kuchenteller fuer zwei pfund gekauft. es ist erstaunlich, wie in kairo verschiedene welten nebeneinander existieren. in zamalek oder agouza kann ein espresso so viel kosten wie in st. pauli. ein abendessen wie im vorgestern im l'aubergine mit alaa macht 220 pfund (27,50 euro). fuer viele leute undenkbar. 400, 500 pfund monatsverdienst seien in aegypten nicht ungewoehnlich, hat uns alaa erzaehlt. ahmed, der software-berater, gehoert mit 3000 pfund (375 euro) zu den gutverdienenden. ein "aegyptischer" tag sieht so aus (1 pfund = 12,5 cent): morgens am strassenstand fuul, einen bohnenpaste mit brot, fuer 1 pfund zum fruehstueck, dazu ein tee fuer hoechstens 50 piaster. mittags ein schawarma auf die hand, die arabische variante des doeners, nur viel leckerer (weil unter anderem mit zimt gewuerzt). dazu ein frischgepresster orangensaft fuer 1 pfund. und abends kann man sich bei abu tarek mit diesem sensationellen koschari satt essen. eine kleine portion kostet 3, eine grosse 5 pfund. dazu ueber den tag verteilt zwei flaschen wasser (2 pfund) und einige glaeser tee (vielleicht 3 bis vier pfund). mit 15 pfund ist man sitt, satt und gluecklich durch den tag gekommen. und selbst das koennen sich viele leute selten leisten. nach oben sind der konsumfreude natuerlich keine grenzen gesetzt. wer will, kann auch in kairo einen lebensstil pflegen, der so teuer ist wie in hamburg-winterhude. -nbo |
| der unterschied zwischen hannover und kairo kairo, 25.11.2004wir treffen ali und zwei seiner kumpel noch einmal noch einmal im cairo jazz club. alaa ist leider nicht dabei, weil er fuer eine unipruefung am montag bueffeln muss. waehrend im hintergrund eine rai-band spielt, unterhalte ich mich mit ahmed, den ali und die anderen "mr opel" nennen, weil er so deutsch aussehe. er koennte in ruesselsheim tatsaechlich fuer einen hessen durchgehen. ahmed arbeitet seit jahren als software-berater. seine musikalische offenbarung sei die erste metallica-platte gewesen. seitdem gebe es fuer ihn nichts groesseres als metal. dann erzaehlt er, was fuer ihn der groesste unterschied zwischen dem leben in deutschland und dem in aegypten sei. er habe einmal einige tage fuer eine firma in hannover verbracht, um dort ein projekt zu besprechen. seine deutschen geschaeftspartner seien zwar beeindruckend effizient und organisiert gewesen. aber nach getaner arbeit haetten sie ihn am ende eines tages sich selbst im hotel ueberlassen und seien einfach nach hause gefahren. undenkbar in aegypten, sagt ahmed. hier wuerde man sich 24 stunden um seine geschaeftspartner kuemmern, ihnen die stadt zeigen, sie zum essen mitnehmen. "bei uns gibt es diese unterteilung in werktag und wochenende nicht", meint er in sehr gutem englisch. "wir treffen unsere freunde jeden tag." keiner kaeme auf die idee, sich in seinen eigenen vier waenden einzugraben. vom arbeitsleben in kairo ist er allerdings nicht ganz so begeistert. aegypter wuerden selten investieren, daechten zu kurzfristig. wozu ein teures IT-system anschaffen, wenn irgendeiner die buchhaltung billig per handarbeit erledigen kann (so ein scherge sitzt auch den ganzen abend im cairo jazz club neben dem tresen und schreibt alle rechnungen per hand). und es komme auch oft genug vor, dass gehaelter mit fadenscheinigen begruendungen gekuerzt oder gar nicht gezahlt wuerden. ihm ist das in seinem vorletzten job passiert. in einer firma, deren inhaber ein reicher und auch politisch einflussreicher mann war. die mitarbeiter wuerden hier nicht so behandelt und geschaetzt, wie sie es verdient haetten, selbst wenn sie ihren job sehr gut machen. ahmed erzaehlt das alles mit einer bemerkenswerten balance. weder ist er modernist, den alles aegyptische nervt, noch traditionalist, der den westen verflucht. es sind genau diese leute, die in unserer unsaeglichen islam-debatte nicht auftauchen. nicht als beispiel aus hamburg oder duisburg, und erst recht nicht als beispiel aus dem nahen osten, wo maenner gewoehnlich nur schreiend und ballernd im fernsehen gezeigt werden. -nbo |
| die pyramiden kairo, 25.11.2004ja, wir haben sie gesehen. es ist eines dieser bilder, die man von klein auf im kopf hat. aber wenn man davor steht, ist doch alles anders. grossartiger. 4600 jahre haben den drei steingiganten nicht viel anhaben koennen. wahrscheinlich werden sie in 4000 jahren immer noch da stehen, waehrend der moloch kairo, der sich inzwischen bis dicht an sie heranreckt, im nilschlamm versunken sein wird. lange sitzen wir auf einem wuestenhuegel am rande der stadt und schauen sie an, bis die untergehende sonne sie orange faerbt. sie werden einfach nicht langweilig. -nbo |
| phiesta in kairo 24.11.2004um acht holt uns alaa, der neulich anja in hamburg besucht hat, mit dem auto ab. 21 ist der gute erst, aber wirkt schon so erwachsen und liebenswuerdig. als wir mit ihm ueber eine der nilbruecken fahren und wie alte freunde plaudern, habe ich das gefuehl, teil dieser stadt zu sein. wir grooven uns bei rotwein und pasta im "l'aubergine" im stadtteil zamalek ein. dann faehrt uns alaa zu einem pub, wie er sagt. es ist der cairo jazz club, vor dem bereits eine hippe meute auf der treppe ansteht. alaa bringt uns rein - und drinnen ist bereits der baer los. der DJ spielt "copacabana", "don't you want me" (human league) und andere hits von vor 20 jahren. ja, er spielt "dieselben alten lieder", zu denen ich mich in st. pauli immer wieder genoetigt sehe, aber selten haben sie mich so begeistert wie jetzt. der mann rockt das haus, noch ein hit und noch einer, und langsam bringt er die menge zum kochen. wir sitzen mit alaa an der bar und erzaehlen uns bald mit ein paar anderen kairoern (oder sagt man kairener?) lustige klamotten. ali, ein gut aufgelegter, afrikanisch aussehender glatzkopf mit brille, kriegt sich nicht mehr ein ueber woldos humor. er schreit fast vor lachen und schlaegt sich auf die schenkel. alaa guckt sich unterdes verstohlen die augen nach einer frau aus, die aus einem aegyptischen relief herabgestiegen sein koennte, um sisters of mercy zu hoeren. sofort wird sie von uns "die aegypterin" getauft und mit blicken beschattet. alaa ist offensichtlich nicht der einzige, den die aegypterin beeindruckt. staendig springt ein anderer gestylter clubgaenger um sie herum. der DJ ist noch lange nicht am ende: "jump around", der alte hiphop-gassenhauer von house of pain, bringt das fass zum ueberlaufen. keiner steht mehr still, von der bar bis hinten zu den toiletten zuckt die menge, und ein paar frauen tanzen, ungelogen, auf stuehlen. dann kommt run DMCs "walk this way". es ist phiesta pur, und durch die fensterscheibe scheint das bleiche neonlicht eines minaretts. der "kampf der kulturen" muss irgendwo anders stattfinden. hier drinnen erleben wir eine sternstunde der globalisierung. -nbo |
| Duefte der Grossstadt Kairo, 24.11.2004Wir gehen durch Kairos Strassen und gucken. Auf neue Fahrgaeste hoffend, hupen uns vorbeifahrende Taxis wild an. Was wir denn suchen wuerden, fragt uns ein sparsam bezahntes Vaeterchen, das auf einem Stuhl am Strassenrand sitzt. Er hatte uns deutsch reden hoeren, beginnt zu strahlen und legt dabei seine marode Kauleiste frei. Saemtliche Schneidezaehne fehlen, der Rest durchs Kettenrauchen bernsteinfarben gebeizt. Augfgeregt von seinem Hoeckerchen aufgesprungen erzaehlt er uns in deutsch, dass er frueher mal in Muenchen gelebt habe, zwoelf Jahre lang bis 1992. Aber es sei ihm zu kalt und zu teuer geworden, deshalb ist er jetzt wieder hier in seiner Heimat. Er bittet uns in seinen Souterrainladen, in dem es ausser einigen Glasflakons in Setzkastenformat nicht viel zu sehen gibt. "Mokka, Tee?", "Mokka, bitte, schwarz." Wir setzen uns auf eine ehemals wohl weisse, zerschlissene Kunstledercouch und er faengt zu erzaehlen an. Ja, Deutschland, in Schwabing habe er gelebt. Er redet von seinen Kindern, seiner Familie und den Bluetenplantagen in der Oase. Was wir denn gern mal riechen wuerden, fragt er uns unaufdringlich, ganz nebenbei. Er zaehlt Unmengen Blueten- und Pflanzenessenzen auf. Sandelholz und Papyrus, ja, das klingt interessant. Die unscheinbaren Glaskaraffen im verstaubten hinteren Regal, in denen ich abgestandene Alkohole verschiedenster Faerbung vermutet hatte, entpuppen sich als reinster Garten der Duefte. Wir koennen uns nicht entscheiden, riecht beides echt irre. Aber eigentlich wollen wir doch gar nichts kaufen, wo wir doch alles bis nach Kapstadt schleppen muessen. Aber was sind schon 50 Gramm, das Gramm nur 2 aegyptische Pfund, umgerechnet 25 Cent? OK, er hat uns ueberzeugt. Dann also Sandelholz- und Papyrusessenz, jeweils ein kleines Flaeschchen. In Europa koste ein Gramm Essenz immerhin 45 Euro! strahlt er uns zum Abschied nochmal an. Eingewickelt in arabisches Zeitungspapier tragen wir unseren Schatz ins Hotel. So haben wir ihm wohl einen gelungenen Tagesumsatz beschert, und er uns eine dufte Reise. nach Diktat verreist -dwo |
| no sleep till cairo 23./24.11.200421:30 h. wir verabschieden uns vom jasmine-team in dahab: dem barmann, der uns schon am ersten abend gras verkaufen wollte, dem besitzer rabia und seiner rechten hand, dem maitre d', den wir "walter von dahab" getauft haben, weil er uns an unseren freund mr. walter in berlin erinnert, dem jungen mit der zahnluecke, der immer einen kleinen, versteckten witz auf den lippen hatte. was fuer eine nette truppe. auf der strasse wartet der minibus, der uns zum nachtbus bringen soll. gepaeck wird eingeladen, doch halt, wo ist meine jacke? mit woldos pass drin! (mein pass steckt in meiner hosentasche). alarm. ich erinnere mich dunkel, dass ich sie gegriffen habe als wir vorhin vor dem essen noch mal rausgegangen sind. liegt sie im internet-cafe? wir also dorthin. da liegt sie nicht. jetzt wird mir etwas flau. das waer der GAU. oder habe ich sie in dem kleinen bankbuero nebenan liegenlassen? das laengst geschlossen ist. wir halten trotzdem noch mal. im bankbuero brennt noch licht. ich versuche, durch die gittertuer und die vorhaenge hineinzuspaehen. da tritt ein polizist auf mich zu und laechelt. "jacket? passport?" dann ruft er ins buero rein, der bankscherge schlurft an die tuer - hat offenbar drinnen ferngesehen - und reicht die jacke durchs gitter. mir fallen sinai-granitbrocken vom herzen. einmal mehr bin ich von der freundlichkeit der araber beeindruckt, in dreieinhalb wochen nahost keine komische situation, keine aggressiven toene, kein beschiss. eine viertelstunde spaeter sitzen wir im nachtbus nach kairo. ein schoener knochenbrecher von bus ist das. die sitzreihen sind eng wie in asien, die klimaanlage blaest eisboeen heraus, die leselichter gehen nicht und nach einer viertelstunde wird das erste video angemacht. irgendwie sinke ich in einen unruhigen schlaf, aus dem ich alle 20 minuten aufschrecke, weil die beine weh tun, der filmton aufdreht, leute hin und her gehen. kurz vor fuenf wollen mir die augen dann nicht wieder zu fallen. der fernseher laeuft immer noch, obwohl keiner mehr hinschaut. leicht geraedert werfe ich einen blick auf den aegyptischen film. eine eigenartige komoedie, in der ganze ballsaele massentaenze auffuehren. die hauptfiguren sind wohlgenaehrt, die schauspielkunst haelt sich in grenzen. alle agieren so uebertrieben wie in stummfilmen. die band im film spielt plotzlich einen ganz coolen, fast jazzigen blaesersatz, der sich staendig wiederholt. da habe ich meinen ohrwurm. es ist halb sechs, der abspann beginnt, der blaesersatz laueft ein letztes mal, und die morgendaemmerung setzt ein. mir fallen wieder die augen zu. -- einige stunden spaeter. erwartungen truegen. kairo sei ein wahrer moloch, habe ich oft gehoert. als wir in "downtown" ankommen, bin ich ueberrascht. der midan talaat harb, der platz, an dem wir abgestiegen sind, verbreitet mit seinen angegrauten, aber opulenten altbauten *(8, 9 stockwerke!) ein gewisses pariser flair. die sonne scheint, und wir trinken in der konditorei groppi ("depuis 1891", steht auf den fenstern) espresso. kairo sei eine dieser weltstaedte, die man nur lieben oder hassen koenne, schreibt der lonely planet. an diesem morgen deutet alles darauf hin, dass ich kairo klasse finden werde. -nbo |
| Besuch der Eisheiligen dahab, 21./22.11.2004"Bring a jacket, it's getting cold up there", raet uns Rabia'a Arabi, unser Pensionsmanager, der schon bei 24 Grad mit dicker Lederjacke rumlaeuft. Seinem Rat folgend ziehen wir also dick eingemummelt los zu unserer Nachtwanderung auf den 2.285 Meter hohen Berg Moses. Als wir um halb zwei nachts aus dem Minibus steigen, schlaegt uns schon eine ungewoehnlich kuehle Brise entgegen. In Fleecejacken und Bommelmuetzen machen wir uns auf, um im Stockdunkeln die letzten 950 Hoehenmeter zu bezwingen, immerhin ungefaehr 50 mal die Stufen zu unserer Wohnung rauf. Schwer damit beschaeftigt im Licht der Taschenlampe einen sicheren Tritt zu finden, hoere ich das Schnaufen der Kamele in meinem Nacken, die uns die Beduinen fuer den Aufstieg unentwegt feilbieten. Der reinste Hoecker-Highway. Kamelpoeter vor mir, Kamelnuestern hinter mir, Kamelhueften in Stirnhoehe neben mir. Man muss hoellisch aufpassen, um nicht vom Trampelpfad geschubst zu werden. Je hoeher wir kommen, desto mehr freue ich mich ueber jedes Laeppchen Stoff am Koerper. Es wird beissend kalt, ein Temperaturunterschied zur Kueste von 30 Grad. Auf dem Gipfel soll uns dann der Sonnenaufgang belohnen, aber Geduld, noch ist es nicht so weit. Wir suchen uns ein stilles windgeschuetztes Eckchen und in Windeseile hat sich eine Menschenmenge von ca. 200 Leuten, die meisten davon Russen, auf der Bergspitze eingefunden. Wir alle haben den Blick gen Osten gerichtet. Und endlich, nach 45-minuetigem regungslosen Warten in Eiseskaelte, in denen ich mich schon damit abgefunden hatte, wie Reinhold Messner mit vier Zehen weniger in mein irdisches Leben zurueckzukehren, passiert das Unvermeidliche: die Sonne geht auf. Die Meute zueckt die Kameras und es gibt ein Blitzlichtgewitter. Kurz darauf ist dann schon wieder alles vorbei und man macht sich an den Abstieg. Wir bleiben noch etwas sitzen und versuchen sanft, unseren nahezu erfrorenen Gebeinen neues Leben einzuhauchen. Aus der Ferne hoeren wir ploetzlich leisen, wunderschoenen Gesang, der aus der kleinen Gipfelkapelle zu kommen scheint. Lassen sie hier etwa jeden Tag zum Sonnenaufgang ein Band laufen? Wir oeffnen das kleine Holztuerchen und stehen mitten in einer russisch-orthodoxen Messe. Frauen knien singend auf dem Boden. Der Pfarrer, mit demselben gutmuetigen Gesicht, wie ich mir in Kindertagen immer den Weihnachtsmann vorgestellt habe, haelt in brummigem Russisch seine Andacht. Ein einmaliges, entruecktes Erlebnis hier in 2.285 m Hoehe, das sich die meisten Sonnenglaeubigen entgehen lassen, weil sie schon wieder runtermarschieren. Es gibt sie also doch, die kleinen, feinen Begebenheiten abseits der Touristenstroeme. Das Katharinenkloster im Tal faellt unserer Muedigkeit zum Opfer. Nach 24 schlaflosen Stunden, in denen wir nebenbei noch Hochleistungssport betrieben haben, kann uns weder der Mosesbrunnen noch der brennende Dornbusch vom Hocker hauen. Bleibt nur noch die Frage, wie es die Moenche hier in den eisigen Hoehen aushalten ohne die Thermosystemunterwaesche aus dem Tchibo-Magazin. Haben sie womoeglich eine ueppige Ganzkoerperbehaarung oder singen sie sich in Trance? Wir sind heilfroh, dass wir wieder runter duerfen in den 25 Grad warmen aegyptischen Winter, zurueck in die Bikinizone nach Dahab. nach Diktat enteist -dwo |
| tatooine 21.11.2004der sinai ist eine trostlose felshalde. seit jahrhunderten rieseln granitbloecke von den bergen und bleiben in baumlosen taelern liegen. am tag brennt die sonne, nachts wird es scheisskalt. und schon wieder ein film-flash: im geiste sehe ich eine banta-karawane um die ecke eines tales biegen, so wie in star wars 1 auf "tatooine". die westler suchen in dieser einoede wie ueberall ihren wahren neuen gott: die sonne. beten sie entweder am strand an oder steigen auf einen berg, um sie aufgehen zu sehen. alle anderen goetter sucht man hier vergebens. nach all den jahrtausenden seit moses ist hier nur der sonnengott uebriggeblieben. -nbo |
| snapshot #4 dahab, 20.11.2004in der sphinx-bar mit palmengarten am strand steigt die party der woche in dahab. ein komisches volk versammelt sich hier. westler, die fun suchen und sich ueber die laecherlich billigen drinks freuen, und aegypter, die sich auch irgendwas von diesem nightlife versprechen. die maenner tragen stranduniform: beutelige skater-shorts mit dicken aufgenaehten taschen, die frauen sind seltsam gekramt. der DJ ("from sharm", wie er angekuendigt wurde, wie um seine qualitaet unter beweis zu stellen), spielt diesen faden neuen hiphop ohne groove oder hammerbeats vom schlage "I can't get no sleep" von faithless, docht die leute stuermen trotzdem die tanzflaeche. party muss sein. man ist hier schliesslich, um sich vom kapitalistischen alltag zu regenerieren. dahab ist ebenso der globalisierte reparaturbetrieb fuer funktionalisierte individuen wie goa, koh phangan oder mykonos. keine spur von phiesta. nur bei outkasts "hey ya" reisst es woldo und mich fuer ein paar minuten aus dem korbsessel. aber dann ist der spirit auch schon wieder verflogen. wir gehen lieber um ein uhr nachts in den supermarkt und schauen, was in den regalen liegt. auch eine lustige samstagabendbeschaeftigung. -nbo |
| intellektuellen-stammtisch, oder: SPIEGEL-lektuere am roten meer dahab, 20.11.2004in unserer kissenburg am strand kommt jeden tag ein zeitungsverkaeufer vorbei. in seinem waegelchen liegt die internationale presse. obenauf der aktuelle SPIEGEL mit dem titel "allahs rechtlose toechter - muslimische frauen in deutschland". das muss ich lesen, keine frage nach unseren wochen im nahen osten. als ich die titelstrecke durch habe, kann ich mich einer gewissen empoerung nicht erwehren. die gilt aber nicht nur den schicksalen der dort beschriebenen tuerkinnen - andere muslimische frauen kommen darin nicht vor -, sondern auch und nicht zu knapp dem gehobenen stammtischniveau des SPIEGEL. ich kann mir lebhaft vorstellen, wie chefredakteur stefan aust sich in der rolle des tabubrechers gefaellt, der eine laengst ueberfaellige debatte befluegeln will. was der SPIEGEL jedoch glaenzend schafft, ist nicht etwa eine nuechterne, kritische analyse muslimischen lebens in deutschland, sondern die aufstachelung zum "kampf der kulturen" auch bei uns. nach dem motto "bad news is good news" finde ich auf 30 seiten nur horrorgeschichten. kein wort darueber, wieviel tuerkinnen zufrieden in der bundesrepublik leben. ich sehe erguen von mr. kebap und seine schwester vor mir und frage mich, was sie davon halten. keine differenzierung zwischen dem dumpfen anatolischen landislam und den tuerkischen islamistischen gruppen, die unter dem kopftuch zum teil eine ganz eigene form des feminismus verfechten. da ich guenter seuferts hochinteressantes buch "cafe istanbul" von 1998 (habe ich in istanbul gekauft) gelesen habe, weiss ich, dass zwischen beiden welten liegen. im SPIEGEL-artikel wird alles in einen topf geworfen, ein paar radikale vom schlage mohammed attas werden auch noch hinzugefuegt, "tuerkischer islam" draufgeschrieben und deckel drauf. dazu zieht sich eine geradezu paternalistische haltung durch den text, die deutschen (politiker) muessten die tuerkinnen befreien. alice schwarzers expertenstimme sichert das ganze gegen die bloeden gruenen multikulti-naivlinge ab (wo gibt es die ueberhaupt). erst im letzten absatz steht: "emanzipation kann man nicht verordnen, die muslimischen frauen in deutschland werden sie sich erkaempfen muessen." aber da ist der stammtisch laengst am schaeumen, und das vermutliche ziel der strecke, naemlich gegen einen EU-beitritt front zu machen, erreicht. denn warum sonst kommen nur tuerkische muslimische frauen darin vor und keine arabischen oder persischen? warum kann man der tuerkischen community eigentlich nicht ihre eigene kulturrevolution zutrauen, so wie die europaeer auch ohne hilfe von "oben" oder "aussen" ihre 68er hatten? dieselben probleme gab es bei uns vor noch gar nicht so langer zeit auch, von wegen vorgeschriebene ehen oder religioese borniertheit (man denke nur an heinrich boells "ansichten eines clowns"). das zentrale problem von deutscher seite ist vielmehr, dass die bundesrepublik sich noch immer nicht als einwanderungsland versteht. dieser fehler wird en passant im SPIEGEL-text der schroeder-regierung in die schuhe geschoben, dabei war es die kohl-regierung und nach 1998 der CDU/CSU-dominierte bundesrat, die den schritt vom ethnischen deutschland zum einwanderungsland BRD (ich schreibe das bewusst in analogie zu USA, dem klassischen einwanderungsland) blockiert haben. eine in der BRD geborene tuerkin haette mit einem automatisch vergebenen pass ganz andere moeglichkeiten, nach einem bruch mit ihrer familie ihr leben selbst in die hand zu nehmen. dann kommt noch ein interview mit harry mulisch, schriftsteller aus holland, weil dort ja gerade die koranschulen brennen. der hat ausser der tatsache, dass seine eltern auch einwanderer waren (zitat: "Er [der Vater] hat eben keinen Gott im Gepaeck." !!!) nichts erhellendes zur problematik zu sagen. interessant ist aber, wie die SPIEGEL-redakteure mit suggestivfragen aus mulisch antworten herauskitzeln wie diese am ende des interviews: "Aber was ist die Alternative? Die hiesse Krieg." Da ist er wieder, der "unvermeidliche" kampf der kulturen. nach diesem titel steht doch jeder tuerkische mann in deutschland unter verdacht. eine unverschaemtheit. dass ich junge tuerkische machos, die auf der strasse breitbeinig daherstolzieren, nicht mag, steht auf einem anderen blatt. ihre deutschen gegenstuecke sind mir genauso zuwider. mein fazit: wieder ein grund mehr, den SPIEGEL zu boykottieren. eine journalistische bemerkung noch: auf seite 62 des artikels steht in der infografik, 1,9 mio. tuerken lebten 2003 in der bundesrepublik. drei spalten weiter ist im text die rede von 2,5 mio. wie nun? dann lese ich doch lieber den intelligent konservativen ECONOMIST. -nbo --- was meint ihr dazu? schreibt doch mal was in die kommentare zu dem thema. |
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